Gehirnerschütterung bei Sittichen

 
Vorkommen:
Alle Sittiche
 
 
 
Mögliche Symptome:
Bei einer leichteren Gehirnerschütterung sind Orientierungs- und Flugschwierigkeiten sowie Gleichgewichststörungen auffällige Symptome.

Einer mittlere bis schwere Gehirnerschütterung kann sich von Taumeln über den Absturz von der Sitzstange und Sitzen auf dem Käfig- oder Volierenboden, Apathie, oft mit halb geschlossenen Augen bis hin zur Kopfschiefhaltung, im Kreis laufen, Krämpfen, Lähmungen und sogar Bewusstlosigkeit äußern.

Außerdem können Blutungen auftreten.

Nach einer Gehirnerschütterung sind die Sittiche meist aufgeplustert und schlafen sehr viel, wirken apathisch, fressen kaum und suchen Ruhe.

Foto: Springsittich mit halb geschlossenen Augen, mit beiden Beiden auf dem Ast sitzend, die Schwanzfedern hängen sehr gerade herunter. Man kann auf den ersten Blick kaum erkennen, ob es sich nur um einen müden oder tatsächlich kranken Springsittich handelt.

Springsittich

 

Ursache:
Ursache einer Gehirnerschütterung ist immer ein Unfall. So kann ein Trauma z.B. durch das Fliegen gegen Fenster, Wände, Wandspiegel oder Türen entstehen. Auch ein sogenannter Nightfright, das nächtliche Erschrecken bei plötzlichen Geräuschen, kann zu einer Gehirnerschütterung führen.

Solche Unfälle werden meist durch Erschrecken / Panik und plötzliches "blindes" Losfliegen ausgelöst. Sie können sowohl bei Innenhaltung als auch bei Außenhaltung vorkommen, bei Innenhaltung werden sie allerdings scheinbar häufiger entdeckt bzw. erkannt.
 
 

Diagnose:
Die Diagnose ist nicht immer leicht zu stellen, weil oft nur wenige der möglichen Symptome auftreten und besonders gleichzeitig auftretende Lähmungen oder Krämpfe nicht selten zu anderen Diagnosen führen, besonders wenn der Halter nicht anwesend war und nichts von einem Unfall weiß.

Die Diagnose ist bei einer Gehirnerschütterung auch deshalb schwierig, weil ein Vogel dann eigentlich nicht transportiert und bewegt werden sollte, um weitere Erschütterungen zu vermeiden. Deshalb ist der Gang zum Fachtierarzt in solchen Fällen nicht immer zu empfehlen bzw. vorher gut abzuwägen. Berichte meiner HomepageleserInnen bestätigen dies, es kam nach dem Transport und der Untersuchung durch den Tierarzt nicht selten zum Tod des Vogels.

Eventuell könnte geröngt werden, um auf innere Verletzungen, z.B. Knochenbrüche, hin zu untersuchen. Dies hat sich in der Praxis bisher in den meisten mir bekannten Fällen allerdings nicht bewährt und wurde häufig auch gar nicht durchgeführt.
 
 

Therapie:
Es gibt zwei mögliche Therapieformen, nämlich die schulmedizinische und die alternative Behandlung, deren Vorteile, aber auch Nachteile ich hier vorstellen möchte.

In den meisten Fällen ist der Vogelhalter in einer solchen Situation selbst sehr aufgeregt und rechnet mit dem Schlimmsten. Hat der Tierarzt noch geöffnet wird selbiger meist umgehend aufgesucht.

Die schulmedizinische Therapie:
Der Fachtierarz versucht andere Krankheitsbilder nach Unfällen wie Blutungen und Frakturen schnellstmöglichst zu versorgen. Außerdem gibt er entsprechende Medikamente, häufig Cortison und unterstützend einen Vitamin-B-Komplex. Manche Tierärzte spritzen außerdem Diuretika. Das sind harntreibende Mittel, die gegen Ödeme (Wasseransammlungen) im Gehirn wirken sollen. Dies sollte allerdings gut überlegt werden, da es gerade bei kleinen Sittichen eine Austrocknung fördern kann.

Dazu werden Ruhe und nicht allzu helles Licht empfohlen.
 

Nachteile:
Nach einer Gehirnerschütterung sollten weitere Erschütterungen wie erwähnt eigentlich unbedingt vermieden werden. Dies ist beim Transport zum Tierarzt und Untersuchung sowie Behandlung beim Tierarzt unumgänglich. Ich kenne leider nicht wenige Fälle, in denen die Vögel eine Gehirnerschütterung trotz Versorgung durch den Tierarzt nicht überlebt haben. Wenn der Tierarzt aufgesucht wird sollten Sie die Transportbox gut auspolstern und Erschütterungen so gut es geht vermeiden.

Wenn Sie sich unsicher sind können Sie auch erst beim Tierarzt anrufen und seinen Rat telefonisch einholen.
 

Alternative Medizin:
Unfälle mit Gehirnerschütterung kommen gar nicht mal so selten vor. Ich habe das im Laufe der vielen Jahre Sittichhaltung auch selbst erlebt und nicht wenige Vogelpatienten mit Gehirnerschütterung gehabt. Ich kenne auch zahlreiche Fälle, in denen die Vögel schulmedizinisch versorgt wurden, wodurch sich automatisch ein Vergleich der Ergebnisse ergab.

Ich beziehe diese Behandlung ausdrücklich auf das Vorliegen einer Gehirnerschütterung OHNE weitere Symptome wie Blutungen, Lähmungen oder Frakturen. Diese müssten natürlich zusätztlich versorgt werden.

Starke Blutungen sollte umgehend behandelt werden, da Sittiche nur wenig Blut im Körper haben und Blutverlust recht schnell zu Schwäche und Tod führen kann. Bei schwach ausgeprägten Blutungen kann es sich um bereits stoppende Blutungen handeln Wenn schwache (!) Blutungen innerhalb kurzer Zeit (ca 1 Minute) nicht von selbst stoppen oder der Vogel bereits viel Blut verloren hat muss ebenfalls schnell gehandelt werden. Zum Blutstillen können Sie z.B. blutstillende Watte oder Betaisodonalösung (aus der Apotheke) verwenden
 

Alternativ haben sich meiner Erfahrung nach folgende Mittel und Methoden in zahlreichen Fällen sehr bewährt:

  • Ruhe, Trennung vom Partner und / oder der Gruppe in extra Käfig (der Boden sollte gut gepolstert sein!), keine Musik, Fernseher oder andere Geräusche
  • gedämmtes Licht, eventuell dünne Decke über den Käfig
  • Homöopathie (Apotheke)
  • Vitamin-B-Komplex, z.B. Amynin® oder Volamin® (Tierarzt)
  • Geduld


Ruhe und gedämmtes Licht sind quasi oberstes Gebot. 
 
 
Homöopathisch können Sie Arnica D4 Globuli und Hypericum D4 Globuli in etwas Trinkwasser geben und entweder mit einer Spritze ohne Kanüle in den Schnabel geben oder, wenn der Sittich noch in der Lage ist die Flüssigkeit aufzunehmen, in das Trinkwasser geben. Arnica wirkt unter anderem blustillend und abschwellend und hilft außerdem bei Verstauchungen, die gerade in den Flügeln beim Gegenfliegen gegen Gegenstände nicht so selten sind. Hypericum wiederum unterstützt den Nervenapparat, der bei einer Gehirnerschütterung meist ebenfalls betroffen ist. 

Alternativ: Wenn Sie Traumeel®-Tropfen zu Hause haben oder in der Apotheke schneller bekommen können können Sie auch diese verwenden. Sie enthalten unter anderem. auch Arnica und Hypericum. Außerdem Aconitum, welches gegen Schock wirkt.

Der Vorteil an den oben aufgeführten Einzelmitteln ist, dass sie genauer und effektiver eingesetzt werden können als Kombinationspräparate, in denen auch homöopathische Mittel enthalten sind, die im vorliegenden Fall nicht wirken. Traumeel® ist z.B. kein Mittel gegen Schock, obwohl es auch Aconitum enthält, welches bei Schockzuständen eingesetzt wird. Ebensowenig wird es als immunstimulirendes Mittel eingesetzt, obwohl es auch Echinacea enthält.

Bei Gehirnerschütterungen ist Traumeel® allerdings wesentlich besser als gar nichts.

Auch der Vitamin-B-Komplex wirkt sich positiv auf den Nervenapparat aus. Außerdem stärkt Amynin® bzw. Volamin® mit seinen weiteren Wirkstoffen wie z.B. Glucose und Elektrolyten den Körper. Es kann zusammen mit den homöopathischen Mitteln in die Spritze oder das Trinkwasser gegeben werden.
Vorsicht: Bei Vorliegen von Nierenerkrankungen sollte Amynin® oder Volamin® gar nicht oder nur in Absprache mit dem Fachtierarzt gegeben werden! Man ist sich leider noch immer uneinig darüber, ob die iin diesen Mitteln enthaltenen Eiweiße schädlich für kranke Nieren sind oder nicht. Geben Sie nierenkranken Sittichen lieber ein anderes Vitamin-B-Präparat, z.B. Quikon B.
 

Bach-Blüten?
Manchmal werden Bach-Blüten zur Versorgung einer Gehirnerschütterung empfohlen. Meist handelt es sich um Notfalltropfen (z.B. Rescue Remedy) zur Schockbehandlung. Gegen eine zusätzliche Schockbehandlung, egal ob mit Bach-Blüten oder homöopathisch (Aconitum) spricht zwar nichts, ich würde sie aber auf keinen Fall als einziges Mittel empfehlen, da sie die Gehirnerschütterung selbst nicht beeinflusst wie oben genannte Mittel. Sie ist auf die Gehirnerschütterung bezogen schlicht wirkungslos, auch wenn man diese Empfehlung auf diversen Vogel-Internetseiten findet.
 

Was tun?
Wenn Sie sich unsicher sind, wie Sie (be)handeln sollen, fragen Sie Ihren Fachtierarzt telefonisch um Rat. Manche Tierärzte machen auch Hausbesuche, was auf jeden Fall das beste für Ihren Vogel wäre, wenn Sie ihn tierärztlich untersuchen lassen wollen.
 
 
Wichtig: Keine Wärme!
Vermeiden Sie Wärme in Form von Wärmestrahlern wie Rotlicht oder Elstein-Strahlern.
Eine Wärmebestrahlung ist bei Gehirnverletzungen gefährlich. Sie erhöht den Blutdruck im verletzten Gehirn und verschlimmert dadurch den Krankheitsverlauf.

 
 
Wichtig: Ruhe!
Ob Sie schulmedizinisch oder alternativ behandeln - der Sittich muss alleine gehalten werden. Deshalb sollten Sie immer einen Quarantänekäfig vorrätig haben.

Lassen Sie dem Vogel einige Tage lang seine Ruhe.

Es kommt nicht selten vor, dass es dem Vogel bereits am nächsten Tag wieder gut zu gehen scheint, er reagiert auf Ansprache, frisst und antwortet seinem Partner. Leider verlassen sich viele Halter auf diesen "guten Eindruck" und setzen ihren Sittich gleich wieder zu den anderen. Ich kann nur davon abraten, denn die Erfahrung zeigt, dass es sehr vielen dieser Sittiche, obwohl sie vorher fit gewirkt haben, spätestens am nächsten Tag wieder deutlich schlechter geht und es gar nicht mal so selten sogar zu plötzlichen Todesfällen kommt. Deshalb sollten Sie einem Vogel mit Gehirnerschütterung vorsichtshalber einige Tage lang im Krankenkäfig lassen. Die Heilung einer Gehirnerschütterung braucht etwas Zeit und Geduld.
 

Schulmedizinisch oder alternativ?
Diese Frage ist schwer zu beantworten, da man die jeweilige Situation als Halter sicher kaum einschätzen kann. Man kann hier im Gegensatz zu Hausbesuchen auch nicht mit Ferndiagnosen helfen.
Manche Halter sind homöopathisch recht versiert und können zumindest eine homöopathische Erstversorgung vor einem Tierarztbesuch vornehmen, welche auf jeden Fall sinnvoll ist. Andere Halter fühlen sich in einer solchen Situation überfordert oder "glauben" nicht an die Wirkung der Homöopathie und möchten schnellstmöglichst tierärztlichen Beistand. Deshalb muss letztendlich der Halter entscheiden, wie es in seiner Situation für ihn am besten ist. Was bevorzugen Sie persönlich, wobei haben Sie ein besseres Gefühl? Haben Sie die genannten homöopathischen Mittel zu Hause oder können Sie sofort besorgen? Haben Sie einen Fachtierarzt in der Nähe? Hat dieser gerade Sprechstunde oder können Sie ihn ggf. über eine Notruftelefonnummer erreichen?

Je besser man informiert ist und je mehr man sich mit dem Thema auseinandersetzt, desto sicherer wird man auch in seiner Meinungsbildung und desto eher kann man im Falle des Falles überlegt handeln, egal ob es nun schulmedizinisch oder alternativ ist oder eine Kombination aus alternativer Erstversorgung mit anschließendem Arztbesuch.
 
 

Ernährung:
Gelegentlich nimmt ein Vogel mit Gehirnerschütterung wenig oder keine Nahrung mehr zu sich oder erbricht sie wieder. Versuchen Sie ihm leicht verdauliches Futter (z.B. Keimfutter, Obst, Grünfutter) und Kolbenhirse anzubieten, zwingen sie ihm aber zunächst kein Futter auf, sondern beobachten Sie einige Stunden, ob er etwas von dem angebotenen Futter annimmt. Wenn der Sittich die Nahrungsaufnahme länger verweigern sollte, also den ganzen Tag lang bzw. auch am nächsten Tag nichts frisst, sprechen Sie mit Ihrem Fachtierarzt die weitere Vorgehensweise. Es wäre z.B. möglich ihn notfalls mit einem Brei und Spritze ohne Kanüle in der ersten Zeit zwangszuernähren. Dies sollte aber für jeden Fall individuell geklärt werden. Manchmal ist die Ernährung über eine Kropfkanüle in solchen Fällen sinnvoller als der Versuch über die Spritze.
 
 

Vorbeugend:
Überprüfen Sie das Zimmer, in dem Sie Ihre Sittiche halten, auf mögliche Gefahrenquellen und entfernen Sie diese.
Wenn der Sittich gegen einen Spiegel geflogen ist sollte dieser umgehend entfernt werden. Vor Fenstern sollten immer Gardinen hängen, damit sie auch bei Panik als Zimmergrenze erkannt werden. Wenn Sie nur "halbe" Gardinen haben, können Sie den oberen Teil z.B. durch Fensterbilder kenntlich machen. Es ist möglich, Sittiche an das gardinenlose Fenster als Zimmergrenze zu gewöhnen. Dazu sollte die Jalousie auch tagsüber anfangs fast unten gelassen und mit der Zeit immer etwas höher gezogen werden. Dadurch können Sittiche das Fenster als Grenze kennenlernen. Wer keine Jalousien hat kann anfangs auch Papier oder ähnliches verwenden und dies innerhalb von einigen Tagen immer weiter entfernen. Dennoch sind Gardinen oder wenigstens Fensterbilder immer die sicherste Variante!
Bei Auftreten von Nightfright ist ein kleines Nachtlicht empfehlenswert.
 
 
 
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