Übergewicht, Verfettung (Adipositas)

 
Übergewicht (Fettsucht, Adipositas) kann verschiedene Ursachen haben. In den meisten Fällen, mit denen ich zu tun habe, ist es ernährungsbedingt, häufig in Kombination mit zu wenig Bewegung / Freiflug.
Übergewicht kann aber auch Folge anderer Erkrankungen sein, z.B. die Folge einer Schilddrüsenunterfunktion.
Übergewicht ist auf Dauer aber auch Ursache für viele Erkrankungen

Grundsätzlich gilt:
 
Wichtig:
Übergewicht ist kein Schönheitsfehler, sondern eine Krankheit!!

 

Vorkommen:
Alle Sittiche, besonders Wellensittiche
 
 

Mögliche Symptome:
Der Sittich ist zu dick, bewegt sich nicht viel, fliegt nicht mehr oder nur sehr kurze Strecken und atmet danach schwer (Kurzatmigkeit).

Häufige Folgen:

  • Kurzatmigkeit, Atemnot
  • Herz-Kreislauf-Beschwerden
  • Bildung von Lipomen (Fetttumoren)
  • Bildung einer Fettleber
  • Kotveränderungen (z.B. Gelbverfärbung durch Beteiligung der Leber)
  • Bildung von Sohlenballengeschwüren
  • Probleme im Bewegungsapparat (Arthrose), Schmerzen
  • Kloakenverschluss, es kann kein oder nur wenig Kot abgesetzt werden
  • Gefahr von Legenot bei Hennen steigt
Strohsittich mit Übergewicht

 

Mögliche Ursachen:
Wenn ich die Haltungs- und Ernährungsbedingungen erfrage stellt sich meist schnell heraus, dass der Sittich zu einseitig und zu fettreich gefüttert wird. Betroffene Vögel werden meistens hauptsächlich mit Körnerfutter ernährt, nicht selten auch, weil es sich um sogenannte "Obstverweigerer" handelt, die freiwillig bisher kein oder kaum Obst oder Gemüse angenommen haben. Es ist aber keine Ausnahme, dass die Halter der Meinung sind, dass ein Stück Apfel in der Woche als Frischfutter ausreicht.

Dazu kommen normalerweise zu viele Hirsekolben und Kräcker oder auch zu viele Sonnenblumenkerne, Erdnüsse usw.

Es kommt auch immer wieder vor, dass die Halter ihren Sittichen immer noch Essen vom Tisch, was meistens ungesund für die Vögel ist. Z.B. gewürzte Speisen, Chips, Salzstangen, Schokolade, Milch usw., weil "der Vogel es doch sooo gerne mag". 
Dass sie ihrem Vogel / ihren Vögeln damit schaden wollen erstaunlich viele Halter nicht wahrhaben - "ich gebe ihm das schon so lange und er war nie krank". Viele dieser Haltern sind der festen Meinung, dass sie ihrem Vogel etwas vorenthalten, wenn er seine heißgeliebten Chips nicht mehr bekommt und können sich nur schwer oder auch gar nicht von dieser Angewohnheit trennen. Das sind natürlich Ansichten, bei denen ich kaum eine Chance habe richtig zu behandeln, da man nicht, wie scheinbar oft erwartet, mit homöopathischen (oder anderen alternativen) Mitteln eine vorhandene Krankheit behandeln kann und damit ist der Vogel wieder gesund.

Bei dieser Art der Haltung stellt sich die Frage:
Wie lange möchten Sie auf die sichtbaren (Spät)Folgen warten? Dass Vögel kleine Schauspieler sind und sein müssen, weil sie krank in der Natur sofort Fressfeinden zum Opfer fallen würden ist bekannt. Können Sie in Ihren Vogel hineinschauen und sehen, wie weit die Organe bereits verändert sind? Soetwas sieht man einem Vogel von außen erst sehr spät an - nicht selten zu spät.
"Meistens ungesund" deshalb, weil es auch gesundes Essen vom Tisch geben kann - hierzu mehr unter dem Punkt "Therapie".

Als weitere oder zusätzliche Ursachen kommen zu wenig Bewegungsmöglichkeiten (zu wenig Freiflug) oder Langeweile (nicht selten Auslöser für vermehrte Futteraufnahme) in Frage.

Natürlich sind nicht immer die Haltungsbedingungen Schuld. Manchmal handelt es sich auch um Eifersucht und Wegfressen, so dass Partnervögel wiederum zu dünn sind.

Das geht auch umgekehrt und Sittiche, die ohnehin schon zu viel fressen, werden zusätzlich noch von ihren Partnern gefüttert.

Übergewicht kann wie erwähnt auch krankheitsbedingt (Lipom, Tumore, Schilddrüsenunterfunktion, ...) sein.
 
 

Diagnose:
Besonders in schwereren Fällen reicht es normalerweise schon den betroffenen Vogel zu sehen und abzutasten.
Sonst erfolgt die Diagnose durch Befühlen der Brustmuskulatur. Wenn der Vogel zu dick ist, wird diese von einer Fettschicht überlagert und das Brustbein kann nicht mehr so gut gefühlt werden wie bei normalgewichtigen Vögeln. Gegebenenfalls (zusätzlich) wiegen. Das Normalgewicht des Vogels sollte möglichst bekannt sein, um zu sehen, wie stark Gewichtsveränderungen sind.

Manchmal wird zusätzlich geröngt, um auf organische Veränderungen zu untersuchen. Auf dem Röntgenbild kann bei stark übergewichtigen Vögeln meist eine Vergrößerung der Leber sowie Fettauflagerungen an den Organen und eventuell Einengung der Luftsäcke erkannt werden.
 
 

Therapie:
Der Vogel sollte, v.a. wenn er bereits längere Zeit übergewichtig ist, von einem Fachtierarzt auf Krankheiten untersucht werden. In Krankheitsfällen muss die entsprechende Krankheit therapiert werden.

In freier Natur verbrauchen Sittiche viel Energie, um Nahrung zu suchen. Dies ist durch das Angebot von Nahrung in Futternäpfen in unserer Haltung nicht mehr der Fall. Deshalb muss hier besonders auf die Menge und Zusammensetzung geachtet werden, denn die Sittiche haben einfach mehr Zeit mehr Futter aufzunehmen und nehmen dadurch nicht selten mehr Energie auf als sie benötigen und verbrauchen.
 
 
Wichtig:
Radikal-Diäten sind TABU! Das heisst ein oder sogar mehrere Tage ganz ohne Körnerfutter gehören nicht zu einer sinnvollen Diät!!

Wichtige Tipps zur gesunden und sinnvollen Diät gibt es hier.

Geben Sie Ihren Vögeln niemals unbedacht "menschliches Essen" (auch normalgewichtigen Vögeln nicht!!). 
Erlaubtes Essen vom Tisch: z.B. Obst, Gemüse (roh oder gekocht, dann aber ungewürzt und ohne Öl), wenige gekochte Nudeln, wenige gekochte (!!) Katoffeln oder wenig gekochter Reis (alles ungewürzt und ohne Fett). Außer Obst und Gemüse alles nur in kleinen Mengen und nicht täglich.

Entfernen Sie Kräcker, Bisquits und ähnlicher Dickmacher. Das tägliche Körnerfutter sollte reduziert werden, wenn zu große Mengen gegeben werden. Als Faustregel gilt - kleine Sitticharten wie Wellensittiche erhalten 1-1,5 Teelöffel (TL) pro Tag, Großsittiche wie Nymphensittiche, Rosellas oder Halsbandsittiche 1 Esslöffel (EL) pro Tag, bei viel Bewegung auch 1,5 EL.

Ihre Sittiche müssen nicht ganz auf Kolbenhirse verzichten, es empfiehlt sich aber ihnen kleinere Rationen zu geben, den Kolben also je nach Größe zu halbieren oder zu dritteln und nur alle paar Tage (ca. einmal pro Woche) anzubieten. Wenn Sittiche zwischen Kolbenhirse und Obst entscheiden können wählen viele von ihnen eher die Kolbenhirse. Deshalb sollte hier wirklich darauf geachtet werden, nicht zu viel Kolbenhirse anzubieten.

Viele Vogelhalter machen sich dann Sorgen, dass der arme Vogel nicht satt wird und sie ihn quälen. Diese Sorge ist unbegündet, denn es spricht nichts dagegen ihm den ganzen Tag Obst, Gemüse, Grünfutter und / oder Beeren zur Verfügung zu stellen. Vergessen Sie aber nicht, Obst etc. nach ein paar Stunden gegen frisches zu ersetzen, besonders in den warmen Sommertagen. Ab und zu können Sie auch etwas Quellfutter oder Keimfutter und etwas Eifutter geben (beides in Maßen, da diese Futtermittel sonst den Bruttrieb fördern können).
 

Gewichtskontrolle:
Bei einer Diät sollte nach Möglichkeit täglich das Gewicht (z.B. mit einer Küchenwaage) gemessen und aufgeschrieben werden, um den Gewichtsverlauf kontrollieren zu können und zu sehen, ob der Sittich langsam, aber beständig, an Gewicht verliert und um bei Problemen (z.B. zu starker Gewichtsverlust) eingreifen zu können. Messen Sie das Gewicht möglichst immer zur gleichen Tageszeit, z.B. morgens. Bei zahmen Sittichen ist dies kein Problem, stellen Sie einen Freisitz (z.B. kleinen Spielplatz) auf die Waage, stellen Sie sie per Tara auf 0 und setzen Sie den Vogel auf den Freisitz. Bei nicht zahmen Sittichen gestaltet sich das Wiegen schwieriger, normalerweise wird der Sittich in einen kleinen Karton auf die Waage gestellt. Der Karton wird vorher ebenfalls leer auf die Waage gestellt und die Waage mit Tara wieder auf 0 gestellt, damit sie nur den Vogel wiegt oder der leere Karton wird vorher oder danach gewogen und das Gewicht vom Gesamtgewicht abgezogen. Da dies für beide Seiten meist recht stressig ist, sollte in solchen Fällen nicht täglich, sondern ca. 1-2 mal wöchentlich gewogen werden.
 

Obstverweigerer:
Ihr Sittich mag aber kein Obst? Keine Frage, viele Sittiche, die die Wahl zwischen einem leckeren gesüßten Kräcker oder lecker Kolbenhirse und Obst oder Gemüse haben ziehen den Kräcker oder die Hirse natürlich vor so wie die meisten von uns lieber ein Stück Schokolade essen würden als den Apfel. Es kann sein, dass das Frischfutter schnell angenommen wird, wenn Kräcker und Co. fehlen, manchmal braucht es auch etwas Zeit und Geduld und das Austesten verschiedener Obst- und Gemüsesorten sowie die Art des Anbietens (extra Napf, Einklemmen zwischen Gitterstäbe, Aufhängen an Obsthaltestangen, ...) Nicht jeder Sittich mag gerne Obst, es gibt Vögel, die lieber Grünfutter (z.B. Löwenzahn oder Vogelmiere) fressen als Obst oder Gemüse. Hier ist wie erwähnt häufig Ausdauer und Probieren notwendig.
Tipps für Obstverweigerer finden Sie z.B. hier. Wenn gar kein Obst usw. angenommen wird tut es auch etwas Quellfutter oder Keimfutter.
 

Bewegung:
Sehr wichtig ist natürlich der tägliche Freiflug. Es bringt meistens wenig, wenn die Sittiche den ganzen Tag in einem kleinen Käfig sitzen und abends, wenn die Halter wieder da sind, 1-2 Stunden raus dürfen. Oft sind sie dann schon müde und sowieso nicht mehr so motiviert sich zu bewegen. Unabhängig davon ist diese vorgegebene Zeit einfach zu kurz. Entweder sollte also eine Voliere angeschafft werden, in der sich die Sittiche mehr und besser bewegen können oder sie sollten in einem vogelsicheren Zimmer auch tagsüber ihren Freiflug bekommen können.

Neben einer gesunden Diät muss der Sittich dazu motiviert werden wieder aktiver zu werden. Dies kann bei Einzelvögeln oder falsch verpaarten Vögeln besonders durch einen passenden artgleichen Partner erreicht werden. Falsch verpaart bedeutet, dass die Sittiche entweder nicht artgleich verpaart sind, also z.B. ein Wellensittich mit einem Nymphensittich zusammen gehalten wird und die zwei nichts miteinander anfangen können (mehr Informationen dazu finden Sie hier) oder aber auch, dass zwei artgleiche Sittiche zusammen leben, sich aber eher tolerieren als lieben und letztendlich doch eher "zwei Einzelvögel" sind. Hier sollte gut beobachtet und bei Bedarf gehandelt werden. Gönnen Sie einem Einzelvogel möglichst einen Partner, den hat er verdient! (Informationen zum Thema Einzelhaltung gibt es auch hier.)
 

Vogelspielzeug:
Auch sinnvolles Vogelspielzeug, das ihn interessiert und zum Spielen animiert kann zu mehr Aktivität führen. Gerade Holzspielzeug, das zum Knabbern, Zupfen, Klettern und Klingeln animiert ist beliebte Beschäftigung. Bei Sittichen, die schon zu zweit oder in der Gruppe gehalten werden, sollte man Spielzeug und Zubehör nochmal durchgehen und bei Bedarf austauschen.
 

Futterneid:
In Fällen, in denen ein Sittich (meistens das Weibchen) seinem Partner das Futter wegfrisst, so dass sie über- und er untergewichtig ist, sollte man sie zeitweise trennen, um den übergewichtigen Sittich auf Diät zu setzen und dem anderen die Möglichkeit zu geben, sich sattfressen zu können. Nach der Zusammensetzung muß weiter beobachtet werden, ob sich das Verhalten ändert und beide genug Futter bekommen. Manchmal hilft es die Gruppe bei verträglichen Sitticharten etwas aufzustocken - mit der gleichen Art möglichst, denn unterschiedliche Sittichgruppen bleiben oft unter sich und kümmern sich im Normalfall erfahrungsgemäß wenig bis gar nicht um die anderen Arten.
 

Fütterung durch den Partner:
In den Fällen, bei denen die Sittiche zusätzlich vom Partner gefüttert werden, ist eine Trennung meines Erachtens nicht immer bzw. nicht gleich erforderlich. Trennungen sind oft stressig für die Vögel, so dass man sie nicht unbedingt als erstes umsetzen sollte. Man kann erst die Diät ausprobieren und bei Bedarf die Umgebung etwas umgestalten (größere Käfige oder Volieren, mehr Freiflug, mehr Abwechslung usw.). Diese Maßnahmen bringen oft schon den gewünschten Erfolg. Falls nicht, kann man immer noch trennen.
 

Unterstützung bei Leberbeteiligung:
Ist die Leber mitbetroffen ist eine Unterstützung der Leberfunktion empfehlenswert. Dies kann z.B. über Amynin® (B-Vitamine-Aminosäure-Elektrolyte-Glukoselösung, alternativ Volamin®) Vitamin A und B-Vitamine sowie homöopathisch oder phytotherapeutisch (z.b. Phytorenal-F®) erfolgen. Die genannten Mittel erhalten Sie beim Fachtierarzt oder in der Apotheke. Lassen Sie sich vor der Gabe von homöopathischen Mitteln bitte bei einem Tierheilpraktiker oder Fachtierarzt beraten und behandeln Sie nicht auf eigene Verantwortung.
 
 
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