| Da ich leider kaum Fachliteratur zu dieser Verhaltensstörung
kenne nenne ich hier vorwiegend meine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen
bei Sittichen. Diese betreffen meine eigenen Aufnahme-Vögel, unsere
Vermittlungsvögel aus dem Sittich-SOS
(Beobachtungen in den Vermittlungsstellen) sowie Sittiche vieler Sittichfreunde,
die sich an mich gewandt haben. |
Vorkommen:
Vor allem Großsittiche, häufig Nymphensittiche
Symptome:
Es gibt meiner Beobachtung nach zwei typische "Merkmale" von Schreiern.
Der Sittich schreit fast ständig, den ganzen Tag über, weitaus
mehr als gewöhnlich. Oder er fängt erst in bestimmten Situationen
an zu schreien, z.B. wenn er von seinem Besitzer alleine gelassen wird.
Einige Halter machen sich bereits Gedanken, wenn ihre Sittiche scheinbar
oder tatsächlich mehr schreien als erwartet oder als gewohnt. Dennoch
sollten normale Lautäußerungen nicht mit einem verhaltensgestörten
Schreien verwechselt werden. Gerade morgens oder abends und während
der Balzzeit rufen Sittiche oft lauter als "gewohnt". Viele Sittiche sind
im Frühjahr und Sommer auch aktiver und lauter als im Winter.
Diese Verhaltensstörung betrifft meiner Erfahrung nach vorwiegend
einzeln gehaltene Sittiche. Aber sie kommt gelegentlich auch bei der paarweisen
Haltung oder der Haltung in der Gruppe vor.
Mögliche Ursachen:
Bei den Schreiern handelt es sich wie gesagt in der Mehrzahl um Einzelvögel.
Die Gründe hierfür sind vielfältig. Sittiche sind eigentlich
Schwarmvögel, die mindestens paarweise gehalten werden sollten. So
haben sie jederzeit arteigenen Kontakt und die Möglichkeit sich zu
beschäftigen und zu kommunizieren. Gibt es nur den Menschen als Partner
ist der Sittich gezwungen sich diesem anzupassen, um wenigstens etwas Feedback,
wenn auch ein für ihn meist unverständliches, zu erhalten.
Erhält der Sittich nicht die notwendige Aufmerksamkeit vom Menschen,
versucht er diese auf sich zu lenken, z.B. indem er lauter ruft. Wenn er
merkt, dass dies Erfolg hat kann das Rufen zu einer Gewohnheit werden und
in ein lautes Schreien umschlagen.
Schreien kann aber auch aus Angst, Unzufriedenheit und Stress entstehen.
Mögliche Auslöser sind z.B. schlechte Erfahrungen oder die Trennung
von "seinem" Ersatzpartner Mensch, der z.B. zur Arbeit, zum Einkaufen oder
zu Freunden geht sowie Langeweile.
Bei Schreiern in paarweiser Haltung oder der Haltung in der Gruppe kann
es sich um ehemalige Einzelvögel handeln, die ein neues Zuhause gefunden
haben oder denen ein Partner hinzugesetzt wurde, mit dem der Vogel nach
langer Einzelhaltung und Fehlprägung anfangs überfordert ist.
Andere mögliche Gründe für das Schreien in paarweiser
oder Gruppenhaltung sind z.B. schlechte Vorerfahrungen, artfremde
Verpaarungen oder disharmonische Verpaarungen.
Diagnose:
Meistens erkennen die Halter selbst, dass es sich um eine Verhaltensstörung
handelt und nicht mehr um normale Lautäußerungen. Mit dieser
ersten Diagnose kommen viele Halter zum Tierarzt. Dieser wird versuchen
abzuklären, ob das Schreien eventuell körperliche Ursachen, also
Schmerzen, haben kann oder psychisch bedingt ist. Steht fest, dass es sich
um eine Verhaltensstörung handelt werden die Vorgeschichte und die
aktuellen Haltungsbedingungen überprüft, um die Ursache herauszufinden.
Therapie:
Das andauernde Schreien ist eine große Belastung sowohl für
den Halter als auch für den Sittich. Viele Schreier werden abgegeben,
weil der Halter den Lärm nicht länger erträgt oder weil
es Schwierigkeiten mit den Nachbarn gibt.
Die Versuche einiger Halter, durch Abdecken des Käfigs, Verdunkeln
des Zimmers oder die "Bestrafung" durch Einsperren in den Käfig Ruhe
zu erzwingen, bringen möglicherweise kurzfristig Ruhe, sollten aber
auf keinen Fall angewandt werden, da es für den Vogel sehr viel Stress
bedeutet und nicht selten vermehrtes Schreien nach solchen Maßnahmen
erfolgt.
In den meisten Fällen ist es zwingend notwendig, die Haltungsbedingungen
zu ändern.
Einzelhaltung:
Bei der Haltung eines Einzelvogels sollte überlegt werden, ob
ein artgleicher gegengeschlechtlicher Partnervogel dazu beitragen kann,
dass sich der Sittich wohler fühlt. Informationen
zur Einzelhaltung finden Sie hier.
Nicht immer gelingen die gutgemeinten Verpaarungen auf Anhieb, deshalb
sollten Sie bei einer Neuverpaarung einige
wichtige Punkte berücksichtigen.
Häufig reicht dies alleine nicht aus. Weitere Maßnahmen können
z.B. ein größerer Käfig oder eine größere Voliere,
mehr Freiflug und eine artgerechtere
Beschäftigung sein. Zu einer artgerechteren Beschäftigung zählen
z.B. das Entfernen von Spiegeln
oder Plastikvögeln und das Anbieten von Knabberzweigen
und artgerechtem Vogelspielzeug.
Dies ist individuell mit dem Halter abzuklären, denn jede Haltung
sieht etwas anders aus. Deshalb sind pauschale Tipps zur Haltungsänderung
kaum möglich.
Paarweise und Gruppenhaltung:
Bei der Haltung zu zweit oder in der Gruppe kommt diese Verhaltensstörungen
deutlich seltener vor. Häufig handelt es sich um aufgenommene Sittiche,
die in ihrem vorherigen Zuhause lange Zeit einzeln gehalten wurden oder
die im Laufe ihres Lebens schlechte Erfahrungen machen mussten und die
erst resozialisiert oder Vertrauen lernen müssen.
1. Artfremde Verpaarung
Manchmal ist das Schreien auch ein Hinweis auf eine falsche Verpaarung.
So ist die Haltung von zwei artfremden Sittichen wie Wellensittich und
Nymphensittich nach wie vor recht beliebt. Leider wissen die Halter meist
nicht, dass zwei verschiedene Sitticharten eine unterschiedliche Sprache
sprechen, unterschiedlich miteinander kommunizieren und sich unterschiedlich
verhalten. Ein arteigenes Feedback, wie es die Vögel vom Sittichpartner
erwarten, ist dann nicht möglich und dies kann zu Frust und Stress
führen. Wir beobachten dies im Sittich-SOS oft bei artfremden Verpaarungen,
bei denen einer der Partner sich zum Balzen anbietet, der andere aber nicht
darauf eingeht oder sich sogar bedrängt fühlt und gestresst ist.
Nicht immer führt dieser Stress für beide Vögel zum Schreien,
aber es kommt vor.
Bei einer artfremden Verpaarung empfiehlt es sich den Sittichen einen
arteigenen gegengeschlechtlichen Partner dazuzuholen.
2. Nicht harmonisierendes Pärchen
Auch wenn ein artgleiches Pärchen sich nicht versteht sind Maßnahmen
in der Haltung notwendig. Dazu gehören ebenfalls bei Bedarf mehr Platz
in Form eines größeren Käfigs oder einer Voliere sowie
mehr Freiflug oder auch ein "Sichtschutz",
so dass das Pärchen nicht mehr eingeengt ist, sondern sich auch mal
aus dem Weg gehen kann. Handelt es sich um ein gleichgeschlechtliches Pärchen
sind Probleme häufig vorprogrammiert, spätestens während
der Brutzeit, in der besonders die Hähne viele Sitticharten aggressiv
reagieren können. Aber auch außerhalb der Brutzeit kann es bei
zwei gleichgeschlechtlichen Sittichen zu Problemen kommen. Besonders häufig
habe ich das bei Pennantsittichen
und Halsbandsittichen beobachtet.
Ziegensittiche verstehen sich in der Gruppe mit mehreren Hähnen und
Hennen dagegen meist problemlos.
In solchen Fällen helfen Änderungen in der Haltung häufig
nicht mehr aus. Dann ist eine Trennung der Vögel und eine Neuverpaarung
oder alternativ Vergrößerung der Gruppe sinnvoll.
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