Neurogene Drüsenmagenerweiterung (PDD)

 
Auch: Neuropathische Drüsenmagenerweiterung, Neurogene Drüsendilatation, Macaw Wasting Disease, Proventricular Dilatation Disease (PDD), Proventricular Dilatation Syndrom (PDS)
 

Vorkommen:
Die neurogene Drüsenmagenerweiterung wurde bisher vorwiegend Graupapageien, Aras, Amazonen, Kakadus und andere Großpapageien nachgewiesen, seltener bei Sittichen.
Mir ist bislang nur ein einziger Fall bei einem Nymphensittich bekannt, bei dem die Neurogene Drüsenmagenerweiterung diagnostiziert wurde.
 

Mögliche Symptome:
Typische Symptome sind eine plötzlich auftretende Apathie und Schwäche, Erbrechen, unverdaute Körner im Kot, nicht selten kombiniert mit Durchfall. Der Sittich magert ab, obwohl er normal frisst. Neurologische Störungen wie Zittern, Krämpfe oder epileptiforme Anfälle können auftreten. Viele Papageienvögel, bei denen die Neurogene Drüsenmagenerweiterung diagnostiziert wurde, sterben an den Folgen.

Es soll auch Papageienvögel geben, die das Virus zwar in sich tragen, aber keine Symptome zeigen.
 
 

Ursache:
Die Neurogene Drüsenmagenerweiterung bis heute (Stand: 2012) nicht vollständig erforscht. Bereits seit längerem gehen Forscher davon aus, dass die Krankheit durch ein Virus verursacht wird. Als Auslöser wurden immer wieder neue Viren verdächtigt. Im Jahr 2005 wurde vermutet, dass es sich eventuell um ein Paramyxovirus handeln könnte.1

Zwar wurde das Borna-Virus bereits im Jahr 2000 bei Vögeln nachgewiesen, allerdings handelte es sich dabei um Wildvögel. Erst 2008 wurde das Virus auch bei Papageienvögeln nachgewiesen.2

Die durch das Borna-Virus ausgelöste Borna-Krankheit war bislang nur bei Säugetieren bekannt, vor allem bei Pferden und Schafen. Das Bornavirus befällt bei Säugetieren das Gehirn und Rückenmark und löst zentralnervöse Störungen wie z.B. Bewegungsstörungen aus.

Das bei erkrankten Papageienvögeln entdeckte Virus hat große Ähnlichkeit Bornavirus. Es scheint sich allerdings um einen anderen Stamm zu handeln als bei den Säugetieren und wurde deshalb Aviäres Bornavirus (ABV) genannt. Das aviäre Bornavirus gilt somit als wahrscheinlichster Auslöser der Neurogenen Drüsenmagenerweiterung.

Das Virus befällt die Nervenendigungen des oberen und mittleren Verdauungstrakts (Speiseröhre, Kropf, Drüsenmagen, Magen, einen Teil des Dünndarms) und das Gehirn. Dadurch können die unter "Symptome" beschriebenen neurologischen Störungen auftreten. Wenn der Verdauungstrakt erschlafft und sich erweitert kann das Futter nicht mehr richtig verdaut werden, was wiederum zu unverdauten Körnern im Kot führt. Wenn der Kropf betroffen ist wird die Kropfentleerung Richtung Magen gestört, der erkrankte Sittich würgt unverdaute Körner wieder hervor.

Der Ansteckungsweg ist noch ungeklärt, da Papageienvögel in ein und demselben Bestand zu unterschiedlichen Zeiten erkranken können bzw. zum Teil gar keine Symptome zeigen.

Pees3 vermutet eine Ansteckung zwischen Papageienvögeln über den Kot bzw. Kotstaub.

Die Inkubationszeit kann anscheinend Wochen bis Monate dauern, wenn nicht manchmal sogar mehrere Jahre. Man nimmt an, dass einige Vögel den Erreger in sich tragen und auch ausscheiden, also für andere Papageienvögel ansteckend sind, aber es bei ihnen zu keinen Symptomen kommt, solange das Immunsystem stabil ist. Dies ist auch bei anderen Viruserkrankungen so. Stress kann, wie bei anderen Virus-Erkrankungen, offensichtlich auch hier der Auslöser klinischer Symptome sein. Dieser sollte deshalb möglichst vermieden werden. Stress bedeutet für Vögel übrigens auch, wenn sie ihren Vogelpartner nicht akzeptieren oder sich in einer Vogelgruppe nicht wohlfühlen.
 
 

Diagnose:
Die Diagnose wird verdachtsweise anhand der Symptome durch Röntgen gestellt. Im Röntgenbild ist der Drüsenmagen meist deutlich erweitert. Der Muskelmagen kann, aber muss nicht erweitert sein. Häufig kann man auf dem Röntgenbild auch erweiterte Dünndarmschlingen erkennen. Ist eine Diagnose anhand eines normalen Röntgenbildes schwierig kann eine Kontrastmittelaufnahme eventuell aussagekräftiger sein.

Eine sichere Diagnose ist nur nach dem Tod mittels einer histologischen Untersuchung von Gewebeproben aus Organen möglich. Deshalb empfiehlt es sich, einen Sittich mit Verdacht auf PDD nach seinem Tod untersuchen zu lassen. Besonders wichtig ist dies für Sittiche, die paarweise oder in einer Gruppe gehalten werden, um ein konkretes Ergebnis zu erhalten und entsprechende Maßnahmen für die anderen Sittiche treffen zu können.

Prinzipiell gibt es auch die Möglichkeit eine Gewebeuntersuchung am lebenden Vogel vorzunehmen, wenn dieser noch kräftig genug für einen solchen Eingriff unter Narkose sein sollte. Hierzu kann eine Probe aus der Kropfwand entnommen werden. Diese ist leichter erreichbar und es gibt weniger Komplikationen während und nach der Operation als bei einer Gewebeprobe aus der Drüsenmagenwand. Allerdings ist eine negative Gewebeprobe leider keine 100%ige Garantie dafür, dass sich das Virus nicht doch im Körper befindet. Eine 100%ige Sicherheit kann deshalb nur eine Sektion nach dem Tod eines Sittichs geben.
 
 

Differentialdiagnose:
Ein erweiterter Drüsenmagen auf dem Röntgenbild bedeutet nicht automatisch, dass es sich um die Neurogene Drüsenmagenerweiterung handelt. Ich hatte diesen Röntgenbefund im Laufe der Jahre bei einigen Sittichen, bei denen andere Erkrankungen nachgewiesen wurden. Bakterielle Infektionen, Hefepilz-Infektionen, Endoparasiten (= Parasiten, die im Vogelkörper leben) sowie "Megabakterien" (heute: Macrorhabdus ornithogaster), Auslöser des Going Light Syndroms (GLS) sollten als Krankheitsursache ausgeschlossen werden. Kotuntersuchungen auf andere in Frage kommenden Krankheitserreger sind daher empfehlenswert. Auch verschiedene Tumoren oder eine Zinkvergiftung oder eine Bleivergiftung können teilweise ähnliche Symptome auslösen.
 
 

Therapie:
Leider gibt es keinen Impfstoff für diese Krankheit.

Bislang gilt aufgrund der Ansteckungsgefahr die Empfehlung erkrankte Papageienvögel in Quarantäne zu halten, also von den gesunden Vögeln zu trennen. Um hier eine halbwegs sichere Unterscheidung zu treffen sollten deshalb meiner Meinung nach alle Sittiche fachtierärztlich untersucht werden. Sonst ist eine Ansteckung durch bereits infizierte, aber zunächst symptomlose Sittiche möglich. So kann zumindest die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung des gesamten Bestandes stark gesenkt werden, auch wenn eine Biopsie am lebenden Vogel keine 100%ige Sicherheit geben sollte. Aufgrund der teilweise langen Inkubationszeit sollte auch der (vermutlich) gesunde Bestand weiterhin unter Beobachtung bleiben.

Da der Magen bei erkrankten Sittichen meist nicht mehr richtig arbeiten kann ist es empfehlenswert die Ernährung auf leichter verdauliche Kost wie Pellets und / oder Weichfutter umzustellen. Unter Weichfutter versteht man z.B.:

Wenn Ihr Sittich nicht an Weichfutter oder Pellets gewöhnt ist kann die Umstellung bzw. die Akzeptanz des neuen Futters einige Zeit dauern. Solange können weiterhin zusätzlich Hirse und Körnerfutter gegeben werden, bevor der Vogel die Nahrung ganz verweigert. Bieten Sie das Weichfutter aber zusätzlich täglich an.

Geben Sie keine Kräcker mehr, da diese schwer verdaulich sind.

Bei abgemagerten Papageienvögeln ist es eventuell sinnvoll, einen Brei mit Löffel, Spritze (ohne Kanüle) oder mittels Kropfsonde zu geben. Die Kropfsonden-Methode sollten Sie sich unbedingt von Ihrem Fachtierarzt zeigen lassen oder diesen den Vogel aufpäppeln lassen, bis er wieder von alleine fressen kann. Ungeübt kann es zu ernsthaften Verletzungen der Speiseröhre kommen oder zu Ersticken durch die Fütterung in die Luftröhre statt durch die Speiseröhre.

Zur Stärkung von kreislaufschwachen Papageien empfiehlt es sich besonders auf die Flüssigkeitszufuhr zu achten. Eventuell ist es -nach Absprache mit dem Fachtierarzt- sinnvoll Flüssigkeit zu spritzen oder über den Schnabel zu verabreichen.

Symptome wie Zittern, Krämpfe usw. können durch eine medizinische Behandlung häufig gemildert werden. Zusätzlich sollte das Nervensystem durch die Gabe eines Vitamin-B-Komplexes unterstützt werden, das der Fachtierarzt spritzt. Sie können auch eine Flasche eines Vitamin-Komplexes beim Tierarzt erhalten oder in diversen Online-Shops bestellen (z.B. Quikon Vitamin B der Firma Quiko).

Wenn auch der Kropf betroffen und ebenfalls erweitert ist empfiehlt sich die Gabe eines Medikaments, um die Peristaltik (d.h. das wellenartige Zusammenziehen) des Kropfes zu fördern. Dadurch wird die Entleerung des Kropfes erleichtert. Hierfür hat sich anscheinend Metoclopramid1 (Paspertin®) (ca. 20 Minuten vor der Fütterung) bewährt. Es wirkt leider nur auf den Kropf, nicht auf die Tätigkeit des Drüsenmagens.

Erkrankte Papageien können durch eine optimale Haltung und Fütterung manchmal noch Wochen und Monate nach Ausbrechen der Erkrankung am Leben gehalten werden, allerdings stellt sich für den Vogelhalter irgendwann die Frage, wie lange dies wirklich sinnvoll ist. Sollte der Sittich oder Papagei zu sehr leiden sollte man mit einer Erlösung nicht allzu lange warten. Sprechen Sie mit Ihrem Fachtierarzt, wie er den Zustand einschätzt und was er empfehlen würde.

Betroffene Vogelhalter, bei deren Papageien die Krankheit relativ kurz nach dem Kauf beim Züchter ausgebrochen ist, sollten ihren Züchter darüber informieren, damit er seine Vögel untersuchen lassen kann und nicht weiter kranke Tiere abgibt. Die Zucht mit infizierten Papageienvögeln sollte natürlich umgehend eingestellt werden!
 
 

Prognose:
Die Heilungsaussicht bei einer Neurogenen Drüsenmagenerweiterung ist leider nicht gut. Bei einer erfolgreichen Therapie können die Symptome und Beschwerden gelindert und die Lebenserwartung verlängert werden. Eine plötzliche Verschlechterung des Befindens ist allerdings jederzeit möglich und die Lebenserwartung ist grundsätzlich kürzer als bei gesunden Vögeln.
 
 

Prophylaxe:
Vorbeugend kann man neu hinzugekommene Sittiche röntgen lassen, um gegebenenfalls einen erweiterten Drüsenmagen feststellen zu können, ohne das äußere Symptome sichtbar sind. Diese Maßnahme ist allerdings keine Garantie, da es sich nur um Verdachtdiagnosen handelt und man gerade im Anfangsstadium kaum etwas auf dem Röntgenbild sehen kann. Sie schränkt das Risiko einer vorhandenen Infektion aber zumindest etwas ein. Eine Endoskopie ist nicht notwendig, da das Röntgenbild aussagekräftiger ist.

Da Sittiche vergleichsweise selten betroffen sind werden solche Vorsichtsmaßnahmen im Normalfall nur bei Großpapageien und verdächtigen Sittichen vorgenommen, nicht bei gesund wirkenden Sittichen. Wie oben bereichts beschrieben ist auch nicht jeder erweiterte Drüsenmagen ein Symptom der Neurogenen Drüsenmagenerweiterung.

Aufgrund der langen Inkubationszeit wird aber jeder Neuerwerb mit einem gewissen Risiko verbunden sein. Dennoch sollte man eher ein solches - vergleichsweise geringes - Risiko auf sich nehmen als einen Papageien oder Sittich einzeln zu halten. Eine Alternative zum Kauf von jungen Papageienvögeln wäre der Erwerb älterer Tiere, die abgegeben werden müssen und ein neues Zuhause suchen. Hier ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass, wenn ein Virus vorhanden wäre, dieses bereits ausgebrochen wäre.
 
 

Ansteckungsgefahr:
Nach bisherigen Erkenntnissen ist die Neurogene Drüsenmagendilatation nicht auf den Menschen übertragbar.
 
 



1 Kleintier konkret 2/2005, S. 26-30
2 Kistler, Amy L. et al.: Recovery of divergent avian bornaviruses from cases of proventricular dilatation disease: Identification of a candidate etiologic agent. Virology Journal 2008, 5:88
3 Pees, Michael: Proventricular Dilatation Disease (PDD). Leitsymptome bei Papageien und Sittichen, 2004, S. 57
 
 


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