Räudemilben, Grabmilben (Knemidokoptes pilae)

 
Allgemeines:

Auch: Schnabelräude, Schnabelschwamm, Knemidokoptesräude

Diese parasitäre Infektion wird auch Schnabelräude oder Schnabelschwamm genannt, obwohl nicht nur diese Regionen betroffen sein können.
Sie ist übrigens die häufigste beobachtete Ektoparasitose beim Wellensittich. Ektoparasitose bedeutet eine Infektion mit Ektoparasiten. Ektoparasiten sind auf der Haut lebende Parasiten, im Gegenatz zu den sogenannten Endoparasiten, die sich im Körper befinden, z.B. Spulwürmer oder Trichomonaden.
 
 

Vorkommen:
Alle Sittiche, besonders Wellensittiche
Ein Befall mit Räudemilben (auch Grabmilben genannt) kommt bei Wellensittichen relativ häufig vor.
 
 
 
Mögliche Symptome:
  • Bildung von grauweißen schwammartigen Borken im Gesichtsbereich, besonders auf dem Schnabel sowie in der Schnabel- und Augenumgebung. Meistens geht die Schnabelräude von den Schnabelwinkeln aus
  • Bildung von Borken an den Beinen, den Augenlidern, der Bürzeldrüse und / oder Kloakenregion
  • Juckreiz, vermehrtes, teilweise hektisches Putzen
  • Unruhe
  • Schnabeldeformationen, übermäßiges Schnabelwachstum (borkiger Schnabel im Gegensatz zum übermäßigen Schnabelwachstum beispielsweise bei Lebererkrankungen)
  • brüchiger Schnabel
  • Reiben der Nasenwachshaut am Käfiggitter oder den Sitzstangen
  • Versuche mit den Krallen in der Nase zu bohren
  • bei Beteiligung der Beine kann es Zuckungen bzw. einem raschen abwechselnden Aufsetzen der Beine auf der Stange kommen. Dieses Symptom habe ich bislang in der Fachliteratur nicht gefunden, bei Vogelpatienten allerdings in fortgeschrittenen Fällen schon ab und zu beobachtet. Die Zuckungen verschwanden nach Therapiebeginn und traten nie wieder auf, weshalb hier ein Zusammenhang zu vermuten ist.
  • gelegentlich Kopfschütteln
Auf diesem freundlicherweise von Anna Benner zur Verfügung gestellten Foto handelt es sich um einen leichten, aber schon deutlich sichtbaren Räudemilbenbefall.
Wellensittich mit Grabmilben (Räudemilben, Schnabelräude, Schnabelschwamm)

 

Ursache:
Räudemilben (Knemidokoptes pilae), auch als Grabmilben bezeichnet. Die rundlichen, ca. 0,4 x 0,3 mm großen Räudemilben graben sich in hornreiche Körperregionen wie z.B. das Schnabelhorn und die Nasenwachshaut ein, wo die Weibchen ihre Eier ablegen.

Entwicklungszyklus:
Ei - Larve (sechsbeinig) - 1. Nymphenstadium (achtbeinig) - 2. Nymphenstadium (achtbeinig) - Milbe
Weibchen: ca. 26 Tage
Männchen: ca. 20 Tage

Bildung der Borken:
Durch das Eindringen (Beißwerkzeuge beim Fressen) und die Stoffwechselprodukte der Milben entzündet sich die Haut. Daraufhin bilden sich die unter Symptome beschriebenen Borken.

Herkunft:
Räudemilben sind oft schon lange vorhanden, manchmal schon Monate oder sogar Jahre. Häufig werden die Parasiten beim Kauf eines Vogels unbemerkt eingeschleppt. Durch das gesunde Immunsystem werden sie an der Vermehrung gehindert, so dass keine Symptome sichtbar sind. Andere Krankheiten, Haltungsfehler, Stress oder Mangelernährung, die das Immunsystem schwächen, begünstigen die Vermehrung, bis schließlich die Ablagerungen, zunächst im Bereich des Schnabels, sichtbar werden.

Infektionsquellen sind häufig Zuchtanlagen. Die Übertragung erfolgt direkt durch das Füttern der Jungvögel.
 
 

Diagnose:
Bei starkem Befall sind die Symptome wegen dem klinischen Bild (Borken und Juckreiz / vermehrtes Putzen) eindeutig, dann lassen sich meistens auch die Bohrlöcher der Milben auf den befallenen Stellen erkennen.
Ansonsten erfolgt der Nachweis der Milben mikroskopisch in abgetragenen Borken.

Auf den folgenden freundlicherweise von Hans-Bub (aus den Sittich-Foren) zur Verfügung gestellten Fotos ist ein fortgeschrittener Milbenbefall erkennbar.
 
 
Wellensittich mit Grabmilben (Räudemilben, Schnabelräude, Schnabelschwamm) Wellensittich mit Grabmilben (Räudemilben, Schnabelräude, Schnabelschwamm)

 
 

Differenzialdiagnose:
Ähnliche Symptome können bei folgenden Erkrankungen auftreten:
Borkenbildung bei Hyperkeratose der Beine oder der Nasenwachshaut, bei Befall der Beine: Kalkbeinmilbe
 
 

Therapie:
 
Hinweis:

Diverse Milbensprays aus der Zoohandlung sind gegen Räudemilben unwirksam. Außerdem sind ihre giftigen Dämpfe gesundheitsschädlich für Sittiche.

Um eine schnelle und effektive Behandlung zu erreichen sollte der Fachtierarzt aufgesucht werden oder unten genannte Methode angewendet werden.


 

Es gibt verschiedene Therapiemöglichkeiten:

Spot-On-Methode mit Milben-Präparat beim Fachtierarzt
Die schnellste und sicherste Methode ist die Behandlung beim Fachtierarzt. Er kann ein Milben-Präparat auf den Nacken träufeln (sogenannte "Spot-On-Methode"), das die Milben abtötet. Es können verschiedene Kontaktinsektizide verwendet werden. In einem Artikel * in der Zeitschrift Kleintierpraxis wird die erfolgreiche Therapie mit Frontline® (Wirkstoff: Fipronil) beschrieben. Die betroffenen Stellen wurden großzügig mit einem in Frontline® getränkten Wattestäbchen betupft. Häufig wird mit Ivomec® (Wirkstoff: Ivermectin) mit der Spot-On-Methode behandelt.

Diese Behandlung muss ein- bis zweimal wiederholt werden. Die wiederholte Behandlung ist wichtig, da das Milben-Präparat nur die Milben selbst abtötet, nicht aber deren Eier. Diese würden den normalen Entwicklungszyklus durchlaufen und das Problem wäre in wenigen Wochen wieder vorhanden. Wenn die Behandlung 1-2 mal in bestimmten Abständen wiederholt wird werden die neu entwickelten Milben ebenfalls abgetötet. In welchen Abständen wiederholt werden muss hängt vom jeweiligen Mittel ab, deshalb kann ich hier keine pauschalen Zeiträume angeben.

Vorteil: die Milben werden sicher und vergleichsweise schnell abgetötet. 
Nachteil: Das Medikament belastet den Organismus stark.
 

Behandlung mit Öl oder Vaseline
Alternativ können Sie selbst Paraffinöl oder Vaseline mit einem Wattestäbchen auf die betroffenen Stellen auftragen. Dadurch werden die Bohrlöcher verstopft, die Milben ersticken. Die eingeweichten Borken lösen sich mit der Zeit wieder ab. Die Behandlung sollte über mehrere Tage wiederholt werden, auch wenn die Borken bereits abgefallen sind. Wenn die Beine ebenfalls befallen sind, können Sie den Fußring entfernen lassen, um alle Stellen erreichen zu können und eingewachsene Fußringe zu vermeiden.

Untersuchen Sie den Sittich genau, um alle befallenen Stellen behandeln zu können. Da versteckte oder schwer erreichbare Stellen nicht immer sicher behandelt werden können besteht allerdings immer ein Restrisiko, nicht alle Milben abzutöten.

Vorteil: Diese Methode ist im Vergleich zum Milbenpräperat sehr schonend für den Organismus.
Nachteil: die Behandlung dauert länger als die Therapie mit einem Milbenpräperat und ist unzuverlässiger, weil man nicht unbedingt alle Stellen erreicht. Außerdem ist diese Methode ist eher für zahme Sittiche geeignet, für scheuere Sittiche ist das mehrfache Einfangen und Einreiben manchmal zu stressig. Allerdings gewöhnen sich viele Sittiche (und auch ihre Halter) mit der Zeit an diese Behandlung.

Falls Sie nicht wissen, wie Sie den Vogel bei der Behandlung richtig halten müssen, fragen Sie Ihren vogelkundigen Tierarzt.
 

Hinweis:
Bei einem stärkeren Befall und auch, wenn die Augenregion betroffen ist,sollten Sie überlegen, ob Sie den Sittich von einem Fachtierarzt behandeln lassen, da diese Therapie schneller und sicherer ist und der Sittich dem Juckreiz nicht so lange ausgesetzt ist.

In schweren Fällen kombiniere ich beide Therapien, wenn ein Vogel auch an den Beinen betroffen ist und sichtbar darunter leidet oder z.B. auch mit den Füßen ständig zuckt. Das Öl scheint den Juckreiz zu mildern. Eine ein- oder zweimalige Behandlung reicht meiner Erfahrung nach bei gleichzeitiger Gabe eines Parasitenmittels aus. Bisher hatte ich mit dieser Behandlung gute Erfolge, der betroffene Vogel wurde sichtbar ruhiger. Eine ein- oder zweimalige Behandlung wird auch von scheuen Sittichen verkraftet. Man sollte allerdings nur bei Bedarf zusätzlich mit Öl behandeln, um schnelle Linderung zu verschaffen. Für die Beseitigung der Räudemilben reicht das Medikament eigentlich alleine aus.
 

Wichtig:
Wie bereits erwähnt sind oft andere Ursachen Auslöser der Milbenvermehrung, die erst zu den genannten Symptomen führt. Deshalb ist es wichtig, die Haltungsbedingungen und die Ernährung zu kontrollieren und bei Bedarf zu verbessern.

Sicherheitshalber sollten Sie auf eine stärkere Hygiene im Käfig oder in der Voliere achten (häufigeres Wechseln des Bodenbelages, heißes Abwaschen des Käfigs bzw. der Volierengitter, mindestens 2-3 maliges Austauschen des Trinkwassers, tägliche Reinigung der Näpfe und der Sitzgelegenheiten)

Zusätzlich sollten Sie darauf achten, das Immunsystem des Sittichs zu stärken, den ein Befall mit Parasiten deutet meistens darauf hin, dass das Immunsystem geschwächt ist. Der Sittich sollte ausreichend Vitamine und Mineralstoffe erhalten, eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung ist wichtig. Vermeiden Sie Stress und bieten Sie ihren Sittichen möglichst viel Freiflug. Auch UV-Licht und eine ausreichend hohe Luftfeuchtigkeit unterstützen das Immunsystem.
 
 
Wichtig:
Wenn das Ringbein betroffen ist droht eine Einschnürung des Beines. Hierauf sollte bei der Untersuchung und Therapie geachtet werden. Wenn der Fußring das Bein zu sehr abschnürt kann es sogar absterben! Deshalb muss ein Ring, der ein geschwollenes Bein einschnürt, bei Bedarf entfernt werden. Da der Fußring in Deutschland Pflicht ist sollten Sie ihn aufbewahren.

 

Heilungsverlauf eines Grabmilben-Befalls bei einer Wellensittichhenne:
 
Grabmilbe / Grabmilben (Räudemilbe, Räudemilben) beim Wellensittich

Schwerer Befall

Grabmilbe / Grabmilben (Räudemilbe, Räudemilben) beim Wellensittich

4 Tage nach Therpiebeginn

Grabmilbe / Grabmilben (Räudemilbe, Räudemilben) beim Wellensittich

Nach Therapie-Ende

Diese Fotos wurden freundlicherweise von Jenny (Lilli und Pucky in den Sittich-Foren) zur Verfügung gestellt.
Bei ihrer Wellensittichhenne Pollie ist der Grabmilbenbefall eindeutig zu erkennen.
 
 

Ansteckungsgefahr:
Räudemilben sind für Menschen nicht ansteckend.

Zwischen den Sittichen wird die Räudemilbe durch den direkten Kontakt, z.B. gegenseitiges Füttern, weitergegeben. Die Übertragung kann auch durch abbröckelnde Schnabelteile / Borken erfolgen. Auch hier spielt das Immunsystem eine wichtige Rolle. So setzte Kronberger* in einem Versuch gesunde Wellensittiche zu Wellensittichen mit weit fortgeschrittener Schnabelräude. Die gesunden Sittiche mit stabilen Immunsystem zeigten nach 3 Monaten noch keine Symptome.



Literatur:
* Beck, W.: Schnabelräude durch Knemidocoptes pilae (Acaridida: Knemidocoptidae) beim Wellensittich, Kleintierpraxis 45, Heft 6 (2000), S. 453-458
** Kronberger, H.: Haltung von Vögeln : Krankheiten der Vögel, 3., überarb. u. erw. Aufl., Stuttgart, Fischer, 1978, ISBN   3-437-30288-4, S. 261-267
 
 
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Copyright Fotos: Anna Benner, Jenny & Hans-Bub, vielen Dank :-)
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