Fehlprägung von Sittichen

 
Eine Fehlprägung ist eine Verhaltensstörung.

Unter Fehlprägung versteht man eine nicht natürliche Prägung auf einen Ersatzpartner, in seltenen Fällen auf ein Ersatzobjekt. Ein fehlgeprägter Sittich hat viele seiner natürlichen Verhaltensweisen verloren, z.B. sein soziales Verhalten innerhalb einer Sittichgruppe, ein entspanntes Verhältnis zu anderen Vögeln und "seinem" Menschen.


 

Vorkommen:
Alle Sittiche
 
 

Mögliche Symptome:
Ein fehlgeprägter Sittich sieht "seinen Menschen" als echten Partner an, sowohl als Spiel- aber auch als Balz- und Brutpartner. Dies hat auf Dauer meist ernsthafte Folgen für die Vogelhaltung. Der Sittich erwartet von seinem Halter das Feedback, das er in der Natur von einem artgleichen Partner bekommen würde. Er möchte seinen Partner 24 Stunden am Tag um sich herum haben, sich mit ihm beschäftigen, ihn kraulen, vielleicht füttern. 

Bei Hähnen, besonders bei Wellensittichen und Nymphensittichen, kann häufig beobachtet werden, dass sie ersatzweise die Hand ihres Halters füttern und bebalzen und sogar besteigen wollen.
Auch Hennen möchten oft mit ihrem Halter balzen und bieten sich an. Dies ist meiner Erfahrung nach häufig bei Nymphensittichhennen zu beobachten.
Man fasst dieses Verhalten als "abnormes Sexualverhalten" zusammen.
 
Im weiteren Verlauf kommt es besonders bei Nymphensittichen und Plattschweifsittichen (z.B. Rosellas oder Pennantsittichen) häufig zu Federrupfen. Auch Schreien kommt besonders bei Nymphensittichen dazu. Nymphensittiche schreien, wenn sie mit einer Situation unzufrieden sind oder wenn sie vom Halter alleine gelassen werden. Sittiche sind von Natur aus Schwarmvögel, Trennungen von ihrem Partner bedeuten viel Stress für sie.

Fehlgeprägte Vögel sind später häufig schwer zu vergesellschaften, da sie ihre Artgenossen gar nicht als solche erkennen. Sie lehnen andere Vögel häufig ab, ignorieren sie oder verhalten sich ihnen gegenüber sogar aggressiv. Besonders von Nymphensittichen wird mir von Haltern auch immer wieder von Aggressionen gegenüber dem Halter oder seinem Partner berichtet. Bei Großpapageien wie z.B. Graupapageien kommen Aggressionen sogar noch häufiger vor.

Es kann vorkommen, dass Sittiche sich mit artfremden Partnern einlassen, weil sie sich offenbar ihrer eigenen Art gar nicht mehr bewusst sind. Auf dem rechten Foto sehen sie eine Nymphensittichhenne, die aus jahrelanger Einzelhaltung kommt und sich für ihre Artgenossen, die ebenfalls in der Voliere wohnen, gar nicht interessiert.

Fehlprägung beim Nymphensittich

 

Mögliche Ursachen:
Handaufzucht, wenn der Sittich dabei isoliert von anderen Vögeln aufgezogen wird. Er lernt andere Vögel und ihr natürliches Verhalten gar nicht oder zu spät kennen und wird so sehr auf den Menschen geprägt, dass er seinen Halter erstmal als einzigen Partner akzeptiert. Es kann passieren, dass er ihn vor anderen Menschen beschützen will oder eifersüchtig auf diese wird und deshalb aggressiv wird und mit Bissen und Angriffen reagiert. Angriffe und auch Schreien werden häufig dann beobachtet, der Sittich sich von seinem Halter vernachlässigt fühlt.

Einzelhaltung. Der Sittich sieht in seinem Halter mangels arteigenem Partner seinen Ersatzpartner. Der Halter kann seine Bedürfnisse (ganztags Beschäftigung, Balzen, in seiner Sprache kommunizieren, alles gemeinsam unternehmen) auf Dauer nicht erfüllen. Einzelvögel, die das erwartete Feedback nicht bekommen, leiden sehr unter ihrer Situation und äußern ihre Probleme häufig durch Schreien oder Rupfern. Häufig treten auch (zusätzlich) Aggressionen auf, sowohl gegenüber dem Halter selbst als auch gegenüber anderen Menschen (Familienangehörige, Freunde, ...).

Es kommt seltener vor, aber es kann passieren, dass ein Sittich statt des menschlichen Partners ein Objekt wie z.B. einen Spiegel oder Plastikvogel als Ersatzpartner wählt. Er verteidigt ihn gegenüber den Menschen und / oder füttert ihn exzessiv und begattet ihn.

Durch den ständigen Stress kann das Immunsystem beeinträchtigt werden, so dass Krankheitserreger den Organismus leichter schädigen können.  Eine Fehlprägung, die eigentlich psychisch ist, kann also auch körperliche Folgeerkrankungen mit sich bringen.
 
 
Rupfen (wenn es nicht krankheitsbedingt ist) oder Schreien sowie Aggressionen sind immer Ausdrucksformen von Langeweile, Verlustangst und / oder allgemeiner Unzufriedenheit und Stress und damit immer ein Alarmzeichen! 

Wellensittiche gehören übrigens zu den Sittichen, die sich vergleichsweise selten rupfen und auch selten schreien oder aggressiv werden. Ihre Halter erkennen häufig gar nicht, dass Ihr Sittich leidet, nur, weil sie sich nicht so drastisch äußern wie Nymphensittiche es z.B. häufig tun. Dennoch bestätigen alle Halter, die ihrem einzeln gehaltenen Wellensittich einen Partner dazugeholt haben und bei denen die Verpaarung funktioniert hat, dass ihr Sittich, der auf sie vorher auch immer glücklich wirkte, auf einmal regelrecht aufgeblüht ist und ganz neue Verhaltensweisen zeigte, die auch für den Halter sehr interessant zu beobachten sind.
 
 

Diagnose:
Die Diagnose ist meist einfach zu stellen, da das Verhalten und der Vorbericht des Besitzers (z.B. bei Einzelhaltung) recht eindeutig ist. Trotzdem sollte die Verdachtsdiagnose durch eine Untersuchung unterstützt werden. Gerade beim Federrupfen gibt es auch krankhafte Ursachen wie z.B. Milben, die zu Juckreiz und vermehrtem Putzen und Rupfen führen können. Können körperliche Ursachen ausgeschlossen werden bleiben psychische Ursachen als Möglichkeit. Dem Vogel geht es in seiner aktuellen Situation offenbar nicht gut.
 
 

Therapie:
Wenn sich Ihr Sittich auffällig verhält sollten Sie einen Fachtierarzt aufsuchen und klären, ob körperliche Gründe vorliegen oder diese ausgeschlossen werden können.

Wenn der Tierarzt feststellt, dass Sie tatsächlich einen fehlgeprägten Sittich besitzen, wird er Ihnen sicher einen Partner für ihn empfehlen. Diese Empfehlung kann ich nur bestätigen. Doch ist die Umsetzung in der Praxis gar nicht so einfach, da einige Punkte beachtet werden müssen.

Leider ist es so, dass Einzelvögel sich schwerer mit einem Partner vergesellschaften lassen, je länger sie alleine gehalten wurden, da sie, wie bei den Symptomen erwähnt, manchmal schon gar nicht mehr wissen, dass sie eigentlich ein Vogel sind und artgleiche Partner nicht als solche erkennen.

Wenn Ihr Vogel nicht lange alleine war empfiehlt es sich, ihm einen einen gegengeschlechtlichen artgleichen Partner dazuholen. Bei den meisten Sitticharten funktioniert diese Verpaarung besser als die gleichgeschlechtliche Verpaarung, die auch bei "normalen" Sittichen spätestens in der Brutzeit Probleme mit sich bringt: die Vögel wissen nicht, wohin mit ihren Trieben. Weshalb sich die gegengeschlechtliche Verpaarung besser eignet und wie Sie unerwünschten Nachwuchs leicht verhindern können können Sie auf dieser Seite nachlesen.

Lassen Sie beiden Sittichen ihren Freiraum und lassen Sie sie am besten während des Freifluges zusammen.
Mehr Informationen zur Verpaarungvon Sittichen können Sie hier nachlesen.
 

In Büchern heißt es häufig, dass Sittiche, die lange Jahre alleine gelebt haben, grundsätzlich nicht mehr verpaart werden können. Das lässt sich glücklicherweise in der Mehrzahl der Fälle nicht bestätigen. 

Meiner Erfahrung nach ist es wesentlich einfacher einen lange allein gehaltenen Vogel in eine Gruppe artgleicher Sittiche zu integrieren als ihn in einer Zweier-Gemeinschaft zu verpaaren. Dennoch sollte dieser Versuch unbedingt unternommen werden, denn die Folgen der Fehlprägung dürfen den Sittich und auch seinen Halter nicht für den Rest seines Lebens belasten. Je nachdem wie alt der Sittich ist und wie stark die Fehlprägung ist wird sehr viel Geduld und Zeit benötigt, was in vielen Fällen aber belohnt wird.

Die erfolgversprechendste Verpaarungsmöglichkeit ist die Möglichkeit, dass sich der Sittich bei einem Züchter (möglicherweise auch im Tierheim oder bei einem guten Zooladen versuchen) seinen Partner selbst aussuchen kann. Bisher gab es bei dieser Umsetzung durchweg positives Feedback von den Haltern. Wenn ein Sittich  lange als Einzelvogel gehalten wurde, sollte er langsam an fremde Vögel gewöhnt und nicht gleich dazugesetzt werden.

Vielleicht lohnt es sich, die Haltungsbedingungen zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern. Eventuell können ein größerer Käfig oder eine Voliere, mehr Freiflug oder artgerechtes Spielzeug eine Verpaarung oder Vergesellschaftung in einer Gruppe erleichtern.
 
 

Vorbeugend:
Erwerben Sie möglichst Naturbruten und keine Handaufzuchten, besonders keine kommerziellen Handaufzuchten. Unter kommerziellen Handaufzuchten versteht man Handaufzuchten, die nicht lebensnotwendig sind, sondern ausschließlich für den - meist preislich höheren - Verkauf gedacht sind. Leider interessieren viele dieser Züchter die Folgen ihrer Aufzucht nicht.

Um einer Fehlprägung während einer notwendigen Handaufzucht vorzubeugen, sollten Sittiche nicht einzeln, sondern in der Gruppe aufgezogen werden. So lernen sie das natürliche Sozialverhalten von Sittichen.
 
 

Weiterführende Links:


Literaturtipps:


 
 
URL: http://www.sittich-info.de/medizin/fehlpraegung.html

Copyright Text: © www.sittich-info.de
Copyright Foto: Cornelia Meinel, vielen Dank :-)
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