Unter dem Begriff "Stereotype Bewegungen" versteht man einen zwanghaft wiederholten Bewegungsablauf,
der nicht durch körperliche Erkrankungen, z.B. der Schädigung des Nervensystems, ausgelöst
wird, sondern psychisch bedingt ist. Es handelt sich um eine Verhaltensstörung.
Vorkommen:
Alle Sittiche, vorwiegend Einzelvögel und (Einzel-)Vögel
in zu kleinen Käfigen mit wenig oder fehlendem Freiflug.
Symptome:
Beispiele für sich ständig wiederholende "Zwangsbewegungen"
sind z.B. das ständige Hin- und Herlaufen auf einer Sitzstange oder
ständiges Klopfen mit dem Schnabel auf eine Stange.
Andere Sittiche steigen ständig auf einen Gegenstand, z.B. eine
Schaukel, und wieder herab. Auch Kreisbewegungen des Kopfes und und andere
Bewegungsabläufe, die sich ständig wiederholen (z.B. wenn ein
Sittich von einer Sitzstange an die Käfigwand zu einer gegenüberliegenden
Wand klettert, zurückfliegt und das ganze oft wiederholt. Es kann
sich also auch um einen ganzen Bewegungsablauf handeln, nicht nur eine
bestimmte Bewegung).
Diese Wiederholungen können viele Male am Tag stattfinden.
Mögliche Ursachen:
Haltungsfehler wie Einzelhaltung und Fehlprägung sowie falsche
Verpaarungen (z.B. bei der Verpaarung zweier artfremder Sittiche), zu wenig
Freiflug oder ein zu kleiner Käfig bei reiner Käfighaltung sowie
fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten, die zu Langeweile oder
Stress führen, sind mögliche Auslöser für ein solches
Fehlverhalten.
Sich ständig wiederholende Bewegungen sind ein Alarmsignal.
Der Sittich leidet sichtbar unter seinen Haltungsbedingungen oder es handelt
sich um Folgen aus einer vorhergehenden Haltung, die beim neuen Besitzer
trotz artgerechter Haltung noch zu beobachten sind.
Diagnose:
Anhand der Beobachtungen und dem Bericht des Halters, der Beschreibung
der aktuellen und ggf. vorherigen Haltungsbedingungen kann der Fachtierarzt
eine erste Verdachtsdiagnose stellen. Diese kann bei Bedarf durch weitere
Untersuchungen auf körperliche Krankheiten gestützt werden.
Differentialdiagnose:
Erkrankungen des Nervensystems, z.B. die sogenannte
Drehkrankheit
oder Vitaminmangel (besonders
Vitamin B, dabei drehen die Sittiche z.B. den Kopf zwanghaft rückwärts
in den Nacken) können teilweise ähnliche Symptome auslösen.
Therapie:
Nachdem herausgefunden wurde, dass es sich bei dem Verhalten tatsächlich
um eine Verhaltensstörung handelt sollten die Haltungsbedingungen
überdacht und möglichst angepasst werden.
Sittiche sind von Natur aus Schwarmvögel, denen wir den arteigenen
Partner nicht ersetzen können, wohl aber Teil der Sittichgruppe sein
können. Deshalb sollten Sie die Einzelhaltung
gut überdenken und möglichst einen arteigenen
Partner dazuholen. Auch zwei oder mehr Sittiche können zahm
werden. Hier finden Sie Hilfe zur Verpaarung
von Einzelvögeln.
Falls es bisher keinen oder nur wenig Freiflug
gibt sollten Sie versuchen Ihrem Sittich mehr davon zu ermöglichen.
Es sollten mindestens 4 Stunden Freiflug
täglich zur Verfügung stehen, besser mehr. Ideal wäre (fast)
ganztags. Dies ist natürlich nicht jedem Vogelhalter möglich,
dann sollte aber der Käfig entsprechend groß sein bzw. eine
große Voliere angeschafft werden.
Fehlen außerdem vielleicht geeignete Beschäftigungsmöglichkeiten?
Versuchen Sie Ihren Sittichen artgerechtes Spielzeug,
Schaukeln, Spielplätze oder einen selbstgebastelten Vogelbaum
anzubieten. Eine sehr interessante Beschäftigung ist für die
meisten Sittiche auch das Benagen von ungiftigen
Naturzweigen, die mit Blättern, Blüten oder Knospen angeboten
werden können. Oder mögen Ihre Sittiche vielleicht das Beknabbern
von Gräsern?
Auch Stress kann sich immer wiederholende Bewegungen auslösen,
z.B. ein zu kleiner Käfig bzw. Überbesatz, wo sich also zu viele
Vögel auf zu engem Raum befinden. Auch eine falsche Verpaarung, z.B.
eine artfremde Verpaarung oder
ein nicht harmonisierendes artgleiches Pärchen, können zu Stress
und Frust führen, der nicht ausreichend abgebaut werden kann.
Wenn sich zwei Sittiche nicht verstehen sollten Sie überlegen
noch zwei gegengeschlechtliche artgleiche Sittiche dazuholen oder, wenn
der Platz für mehr Sittiche nicht ausreicht, überlegen einen
Sittich abzugeben und den anderen neu zu verpaaren. Bei einer gelungenen
Verpaarung hat nicht nur der Sittich weniger Stress, sondern auch Sie selbst.
Bei einer neuen Verpaarung sollte
natürlich berücksichtigt werden, dass der neue Vogel zurückgegeben
werden kann, wenn die Verpaarung nicht funktioniert und man es nochmal
versuchen muss. Bitte beachten Sie auch, dass nicht alle Sitticharten verträglich
sind und einige Arten paarweise und nicht in der Gruppe gehalten werden
sollten. Im Artenlexikon finden Sie in der Rubrik "Haltung" Informationen,
ob die betreffende Sittichart besser zu zweit gehalten werden sollte oder
in der Gruppe gehalten werden kann. Wellensittiche und Nymphensittiche
können problemlos in der Gruppe gehalten werden.
Es ist gut möglich, dass sich die Zwangsbewegungen nach einer Verbesserung
der Haltungsbedingungen wieder legen oder zumindest nach einiger Zeit verschwinden.
In Extremfällen, in denen der Sittich diese Verhaltensstörung
bereits über Jahre hinweg besitzt, kann allerdings eine lange Zeit
vergehen oder die Symptome werden sich nie ganz legen. Trotzdem sollte
dem Sittich die Chance gegeben werden, ein artgerechteres Leben zu führen,
auch wenn es vorher vom Halter eigentlich gut gemeint war und er das Haltungsproblem
einfach nicht erkannt hat. Wenn man über eine Verhaltenststörung
Bescheid weiß kann man oft auch etwas verändern.
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