Stereotype, sich immer wiederholende Bewegungen

 
Unter dem Begriff "Stereotype Bewegungen" versteht man einen zwanghaft wiederholten Bewegungsablauf, der nicht durch körperliche Erkrankungen, z.B. der Schädigung des Nervensystems, ausgelöst wird, sondern psychisch bedingt ist. Es handelt sich um eine Verhaltensstörung.
 

Vorkommen:
Alle Sittiche, vorwiegend Einzelvögel und (Einzel-)Vögel in zu kleinen Käfigen mit wenig oder fehlendem Freiflug.
 
 

Symptome:
Beispiele für sich ständig wiederholende "Zwangsbewegungen" sind z.B. das ständige Hin- und Herlaufen auf einer Sitzstange oder ständiges Klopfen mit dem Schnabel auf eine Stange.
Andere Sittiche steigen ständig auf einen Gegenstand, z.B. eine Schaukel, und wieder herab. Auch Kreisbewegungen des Kopfes und und andere Bewegungsabläufe, die sich ständig wiederholen (z.B. wenn ein Sittich von einer Sitzstange an die Käfigwand zu einer gegenüberliegenden Wand klettert, zurückfliegt und das ganze oft wiederholt. Es kann sich also auch um einen ganzen Bewegungsablauf handeln, nicht nur eine bestimmte Bewegung).
Diese Wiederholungen können viele Male am Tag stattfinden.
 
 
Videobeispiel:
Sabrina (Justine21 in den Sittich-Foren) hat mir freundlicherweise folgendes Video von einem Abgabevogel zur Verfügung gestellt:

Stereotype Bewegungen beim Nymphensittich in reiner Käfighaltung


 
 

Mögliche Ursachen:
Haltungsfehler wie Einzelhaltung und Fehlprägung sowie falsche Verpaarungen (z.B. bei der Verpaarung zweier artfremder Sittiche), zu wenig Freiflug oder ein zu kleiner Käfig bei reiner Käfighaltung sowie fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten, die zu Langeweile oder Stress führen, sind mögliche Auslöser für ein solches Fehlverhalten.

Sich ständig wiederholende Bewegungen sind ein Alarmsignal. Der Sittich leidet sichtbar unter seinen Haltungsbedingungen oder es handelt sich um Folgen aus einer vorhergehenden Haltung, die beim neuen Besitzer trotz artgerechter Haltung noch zu beobachten sind.
 
 

Diagnose:
Anhand der Beobachtungen und dem Bericht des Halters, der Beschreibung der aktuellen und ggf. vorherigen Haltungsbedingungen kann der Fachtierarzt eine erste Verdachtsdiagnose stellen. Diese kann bei Bedarf durch weitere Untersuchungen auf körperliche Krankheiten gestützt werden.
 
 

Differentialdiagnose:
Erkrankungen des Nervensystems, z.B. die sogenannte Drehkrankheit oder Vitaminmangel (besonders Vitamin B, dabei drehen die Sittiche z.B. den Kopf zwanghaft rückwärts in den Nacken) können teilweise ähnliche Symptome auslösen.
 
 

Therapie:
Nachdem herausgefunden wurde, dass es sich bei dem Verhalten tatsächlich um eine Verhaltensstörung handelt sollten die Haltungsbedingungen überdacht und möglichst angepasst werden.

Sittiche sind von Natur aus Schwarmvögel, denen wir den arteigenen Partner nicht ersetzen können, wohl aber Teil der Sittichgruppe sein können. Deshalb sollten Sie die Einzelhaltung gut überdenken und möglichst einen arteigenen Partner dazuholen. Auch zwei oder mehr Sittiche können zahm werden. Hier finden Sie Hilfe zur Verpaarung von Einzelvögeln.

Falls es bisher keinen oder nur wenig Freiflug gibt sollten Sie versuchen Ihrem Sittich mehr davon zu ermöglichen. Es sollten mindestens 4 Stunden Freiflug täglich zur Verfügung stehen, besser mehr. Ideal wäre (fast) ganztags. Dies ist natürlich nicht jedem Vogelhalter möglich, dann sollte aber der Käfig entsprechend groß sein bzw. eine große Voliere angeschafft werden.

Fehlen außerdem vielleicht geeignete Beschäftigungsmöglichkeiten? Versuchen Sie Ihren Sittichen artgerechtes Spielzeug, Schaukeln, Spielplätze oder einen selbstgebastelten Vogelbaum anzubieten. Eine sehr interessante Beschäftigung ist für die meisten Sittiche auch das Benagen von ungiftigen Naturzweigen, die mit Blättern, Blüten oder Knospen angeboten werden können. Oder mögen Ihre Sittiche vielleicht das Beknabbern von Gräsern?

Auch Stress kann sich immer wiederholende Bewegungen auslösen, z.B. ein zu kleiner Käfig bzw. Überbesatz, wo sich also zu viele Vögel auf zu engem Raum befinden. Auch eine falsche Verpaarung, z.B. eine artfremde Verpaarung oder ein nicht harmonisierendes artgleiches Pärchen, können zu Stress und Frust führen, der nicht ausreichend abgebaut werden kann.
Wenn sich zwei Sittiche nicht verstehen sollten Sie überlegen noch zwei gegengeschlechtliche artgleiche Sittiche dazuholen oder, wenn der Platz für mehr Sittiche nicht ausreicht, überlegen einen Sittich abzugeben und den anderen neu zu verpaaren. Bei einer gelungenen Verpaarung hat nicht nur der Sittich weniger Stress, sondern auch Sie selbst. Bei einer neuen Verpaarung sollte natürlich berücksichtigt werden, dass der neue Vogel zurückgegeben werden kann, wenn die Verpaarung nicht funktioniert und man es nochmal versuchen muss. Bitte beachten Sie auch, dass nicht alle Sitticharten verträglich sind und einige Arten paarweise und nicht in der Gruppe gehalten werden sollten. Im Artenlexikon finden Sie in der Rubrik "Haltung" Informationen, ob die betreffende Sittichart besser zu zweit gehalten werden sollte oder in der Gruppe gehalten werden kann. Wellensittiche und Nymphensittiche können problemlos in der Gruppe gehalten werden.

Es ist gut möglich, dass sich die Zwangsbewegungen nach einer Verbesserung der Haltungsbedingungen wieder legen oder zumindest nach einiger Zeit verschwinden. In Extremfällen, in denen der Sittich diese Verhaltensstörung bereits über Jahre hinweg besitzt, kann allerdings eine lange Zeit vergehen oder die Symptome werden sich nie ganz legen. Trotzdem sollte dem Sittich die Chance gegeben werden, ein artgerechteres Leben zu führen, auch wenn es vorher vom Halter eigentlich gut gemeint war und er das Haltungsproblem einfach nicht erkannt hat. Wenn man über eine Verhaltenststörung Bescheid weiß kann man oft auch etwas verändern.
 
 
 
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