Zinkvergiftung (New-Wire-Disease) bei Wellensittichen

 
Dieser Erfahrungsbericht in Tagebuchform, der freundlicherweise von Andrea zur Verfügung gestellt wurde, dokumentiert die Entwicklung einer schleichenden (chronischen) Zinkvergiftung durch ein verzinktes Volierengitter.

 
Dezember 2001:
Kauf einer Aluminiumvoliere mit verzinktem Draht
Februar 2002:
Meine ½ jährige Wellensittichhenne Lucy, die laut Tierarzt eine Leberschädigung hat, fällt mir durch apathische, lustlose Phasen auf. Phasenweise ist der Kot gelblich.
März 2002:
01. März 02: Ein Röntgenbild ergibt, dass die Leber von Lucy signifikant vergrößert ist. Auf einem Vergleichsbild vom Oktober 01 war die Größe der Leber noch im Normalbereich.

März 02: Bei allen Vögeln fällt mir vor allem abends verstärktes Niesen auf.

14. März 02: Mein 2-3 Jahre altes Männchen Tico erbricht sich und verweigert die Futterannahme. Über den ganzen Tag erbricht er mehrere Male Schleim. Nach einer 10-tägigen Antibiotika Behandlung geht es ihm wieder gut.

26. März 02: Bei meinem ca. 16 Wochen alten Männchen Kimi ist mir seit einigen Tagen aufgefallen, dass er regelmäßig Körner erbricht. Danach geht es ihm gleich wieder gut, er verhält sich normal und nimmt wieder Nahrung zu sich. Zuerst wirkt das Ganze noch so, wie eine übertriebene Balz, doch später verliert der Vogel auch Blutfedern und abgebrochene Federn. Nach dem Fangen behält man immer einige Federn in der Hand zurück.

Ende März 02: Auch die anderen Vögel verlieren Blutfedern und abgebrochene Federn.
Alle Vögel sind sehr ruhig und schlafen viel. Vor allem Kimi schläft fast den ganzen Tag.

30. März 02: Ein weiteres Männchen (Tommy 1 ½ Jahre alt) zeigt ein gestörtes Allgemeinbefinden.
Er würgt, erbricht aber keine Körner und plustert. Nach einigen Tagen geht es ihm wieder etwas besser (er wurde mit Antibiotika behandelt), doch dann finde ich ihn am 4. April morgens auf dem Volierenboden. Beide Beine sind gelähmt. Eine Stunde später ist der Vogel tot.

April 2002:
07 April 02 abends: Kimi hat große Probleme sich auf der Stange zu halten, auch bei ihm scheinen die Beine kurz vor einer Lähmung zu sein. Tagsüber ging es dem Vogel sehr gut.

Ab 8 April wird Kimi auf Verdacht einer Zinkvergiftung mit Calcium EDTA behandelt. Es geht ihm kurzzeitig besser, dann verstirbt er plötzlich am Morgen des 11. April.

April 02: Bei Tico fallen mir bräunlich bis rötliche Federn an der Bauch und Kloakengegend auf, diese sprechen laut Tierärztin für eine Vergiftung.
Nachdem der Verdacht auf eine Vergiftung sich erhärtet hat überwinde ich mich die beiden verstorbenen Vögel Kimi und Tommy zu Frau Dr. Wolf nach Hannover zu schicken. Dort werden ihre Organe untersucht und es kann eine Vergiftung durch Zink nachgewiesen werden. Um die überlebenden Vögel zu retten wurden sie mit der Gabe von Calcium EDTA gegen die Zinkvergiftung behandelt. Die Gabe von Calcium EDTA bewirkt, dass die sich im Körper befindlichen, schädlichen Stoffe „eingeschlossen“ und ausgeschieden werden, ohne weitere Organschäden hervorzurufen.

Die Organschäden, die die Zinkvergiftung aber schon vorher angerichtet hat, können nicht mehr behandelt werden.
Als Ursache für die Zinkvergiftung kam nur die Voliere in Frage. Daher begann ich einen langen Streit mit dem Volierenbauer, der sie schließlich (nachdem ich eine schriftliche „Meinung“ der TIHO eingeholt hatte, die mir meinen Verdacht bestätigte- hierzu wurden einige Volierenstücke von ihnen begutachtet) zurücknahm und mir einen Teil der Tierarztkosten und den Volierenkaufpreis erstattete.
Ich baute eine neue Voliere- wieder aus verzinktem Draht. Diesmal behandelte ich das Gitter aber so lange mit Essiglösung (Empfehlung der TiHo), bis es ganz matt war.

März 2003:
Meine Vögel waren dann einige Monate unauffällig, aber im März 2003 ging das Unglück von vorne los. Tico wurde zunehmend apathisch und ich verbrachte wieder Tage und Wochen in einer Tierklinik in meiner Nähe. Tico verstarb 6 Wochen nach dem ersten Auftreten der folgenden Symptome:

Pumpen und verstärkte Atmung
Jucken und Kratzen
Zeitweilige, heftige Flügelzuckungen

Die Symptome hatte man mit Antibiotikagabe (die zeitweise anzuschlagen schien, die Symptome wurden kurzfristig gelindert), Inhalationen und (später – nach erfolgloser Antibiotikatherapie) Antimykotikumgabe zu behandeln versucht. Abstriche aus Kropf, Kloake und Augenlidern (die vor den Behandlungen gemacht wurden) brachten keine Auffälligkeiten zum Vorschein.

Ein Röntgenbild ließ – laut behandelndem Tierarzt – ein verschobenes Herz und evt. eine Ateriosklerose vermuten.
Am Morgen vor seinem Versterben waren die Füßchen gelähmt, so dass ich ihn schließlich einschläfern lassen musste. Der Vogel war ca. 3 – 4 Jahre alt.

Wieder entschied ich mich, den Vogel an Frau Dr. Wolf zu schicken. Doch diesmal brachten die Ergebnisse der Organe keine Vergiftungen zum Vorschein. Wahrscheinlich hat sich das Zink in dem einen Jahr zwischen der Vergiftung und dem Auftreten der Erkrankung abgebaut. Trotzdem werden die Organe wahrscheinlich sehr stark geschädigt gewesen sein.

Eine Woche nach Ticos Tod verstarb Lucy, meine Lieblingshenne (sie war erst knapp 2 Jahre alt). Auch sie hatte einige Zeit unter teilweise gelähmten Gliedmaßen gelitten. Zwischendurch ging es ihr aber immer wieder relativ gut, so dass ich davon ausgehen konnte, dass sie nicht leidet.

Kurz nach Lucys Tod erkrankte Maxi an denselben Symptomen wie Tico. Auch er verstarb kurze Zeit später und auch ihn ließ ich obduzieren. (diesmal aber in der Tierklinik Gießen, da ich diesmal nicht auf eine Organvergiftung untersuchen lassen wollte, sondern, die genaue Todesursache herausfinden wollte).
Als Todesursache wurde „Leberverfettung“ diagnostiziert, was aber aufgrund der anderen Vorkommnisse für mich nicht ganz nachvollziehbar ist.

Aufgrund der schrecklichen Erlebnisse, die mir einen großen Teil meiner Lebensfreunde genommen haben, entschied ich mich, keine weiteren Wellis mehr anzuschaffen.
Da ich den verbleibenden dreien aber ein Leben in solch einem Minischwarm ersparen wollte (zumal diese Zusammensetzung sich auch nicht sooo gut miteinander verstanden hat) entschloss ich mich schweren Herzens sie in gute Hände zu geben.
So brachte ich sie Ende Juli 2003 bei einem anderen Forenmitglied in einem großen Schwarm und in artgerechter Haltung unter. Ihre Voliere haben die drei auch mitgenommen, so war der Anfang in einer fast gewohnten Umgebung nicht ganz so schlimm.
Leider verstarb Markus im September 2003, wahrscheinlich an einem Tumor.

Den anderen beiden Wellis geht es aber bis heute sehr gut in ihrem neuen zu Hause. Sie fehlen mir – sogar ein ¾ Jahr später noch sehr- und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Zum Glück habe ich eine sehr, sehr liebe Adoptivmama gefunden, die mich regelmäßig zu sich einlädt, so dass ich „meine“ beiden in regelmäßigen Abständen sehen kann.
Ich hoffe, dass ich sie so – auch aus großer Entfernung- noch den Rest ihres Lebens begleiten kann und denke, dass ich für sie die richtige Entscheidung getroffen habe. Bobby hat jetzt einen Partner und Flip kann sich auch nicht über mangelnde Angebote beklagen.

Ich hoffe, ich kann mit diesem Bericht ein wenig zur Aufklärung von Vergiftungen beitragen und ich möchte ganz ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich mittlerweile der festen Überzeugung bin, dass man unter keinen Umständen verzinkten Draht für Volieren verwenden sollte. Auch wenn man ihn mit Essig behandelt, wird man eine Vergiftungsgefahr doch nie vollständig ausschließen können.
Nimmt man von Anfang an Edelstahldraht, ist das wohl erst mal teurer, aber man kann sicher sein, dass man seine Vögel nicht in Gefahr bringt. Und wenn ich die Tierarztkosten der zwei Jahre meiner kranken Wellis aufaddiere, so hätte ich mir wohl zwei Edelstahlvolieren davon kaufen können. Vor allem aber wäre meinen Vögeln und mir wohl einiges an Leid erspart geblieben.

Auch hoffe ich, dass man durch den Bericht versteht, wie vielseitig die Symptome einer Vergiftung sein können. Ich würde daher jedem Vogelhalter, der ein an unspezifischen Symptomen erkranktes Tier hat, raten, die Möglichkeit einer Vergiftung nicht auszuschließen. In meinem Fall ist damals sehr viel (wertvolle!) Zeit vergangen, bis meine Tierärztin und ich auf diese Idee überhaupt gekommen sind. Es gibt in unseren Haushalten sehr viele Stoffe, die unsere gefiederten Freunde nicht vertragen, diese können sehr stark schädigend auf sie einwirken.
Bei größeren Papageien ist es oftmals durch eine Analyse des Blutes zu überprüfen, ob eine Vergiftung vorliegt, oder nicht. Bei kleineren Sittichen oder Papageien sollte man eventuell- nach Absprache mit dem Tierarzt- in Erwägung ziehen, auf Verdacht eine Behandlung zu beginnen, bevor es u.U. zu spät ist. Meines Wissens ist eine Vergiftung an einem noch lebenden kleineren Sittich nicht sicher nachzuweisen (hierzu müsste ebenfalls Blut abgenommen werden, dies ist aber bei kleineren Sittichen lebensgefährlich).

Dies alles sind meine persönlichen Erfahrungen und Meinungen, die ich mir aufgrund meiner Geschichte bilden konnte. Vielleicht kann sie dem ein oder anderen helfen, nicht das gleiche Schicksal erleiden zu müssen, wie meine kleinen, geliebten Freunde und ich.

Meine Angst und mein Schmerz über das Erlebte sitzen noch so tief, dass ich es momentan vorziehe, ganz ohne Tiere zu leben. Und ich werde auch nie aufhören, mir Vorwürfe zu machen, über meine Naivität und Unwissenheit, die so viele Tiere das Leben gekostet hat.
 
 
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