|
(Der Artikel ist im Original nachzulesen in der Zeitschrift „Geflügelbörse“ Nr. 2/2000)
Joschi erkrankte im Alter von zirka fünf Monaten an Aspergillose. Darauf hin gab ich ihm das Vitamin K1 zuerst pur in den Schnabel. Seit über einem Jahr verabreiche ich es nun täglich über das Trinkwasser. Es gäbe natürlich auch die Möglichkeit eine Pilzbehandlung durchzuführen. Also habe ich Rat bei zwei Tierärzten eingeholt und beide konnten der Pilzbehandlung nichts Positives abgewinnen: eine Pilzbehandlung ist erstens sehr schwierig durchzuführen, zweitens die reinste Qual für so ein kleines Tier, drittens ist ein Erfolg nicht garantiert und viertens besteht die Gefahr, dass das Tier die Behandlung nicht überlebt. In der einschlägigen Literatur kann man nachlesen, dass bei einem an Aspergillose erkrankten Tier kaum Heilungschancen bestehen. Oder etwa doch? Der werte Leser möge mir das nun glauben oder nicht: das Vitamin K1 hat Joschi vor dem sicheren Tod gerettet, und das in buchstäblich letzter Minute. Natürlich ist Vitamin K1 alleine nicht das Nonplusultra, doch hat es zusammen mit hohen Vitamingaben, größtenteils in Form eines Multivitaminpräparats ohne Vitamin K3, für das Tier die Basis geschaffen seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Die Vitamingabe über das Trinkwasser war notwendig, da Joschi kein Obst und Grünzeug mehr anrührte, doch das Problem war, dass meine gesunden Wellensittiche nun die doppelte Dosis an Vitaminen abbekamen. Zum Thema Vitaminüberdosierung habe ich mir sagen lassen, dass eine Überdosierung mit natürlichen Vitaminen kaum vorkommt und bei Gabe von Vitamin K1 sowieso nicht möglich ist, da es für die übrigen Vitamine eine Art Steuerfunktion hat. Zwischendurch hatte Joschi Phasen, in denen es ihm sehr schlecht ging, vor allem das Wippen mit den Schwanzfedern bereitete mir Sorgen; dieses Symptom konnte ich nicht richtig einordnen. Im Februar dieses Jahres nahm ich einen kranken Jungvogel auf und ließ ihn von einer Tierärztin untersuchen. Diagnose: ein raumfordernder Prozess ist im Gange. Lebenserwartung: vielleicht noch ein halbes Jahr, falls der Tumor bösartig ist. Der Wellensittich hat sich bei mir gut eingelebt und ist trotz schwerer Atmung mit Rasselgeräuschen sehr munter und aufgeweckt. Bei der Gelegenheit erzählte ich der Tierärztin von Joschi, worauf sie mir eine kleine Tube mit Lactobazillen gab. Täglich verabreichte ich Joschi ein Tröpfchen Lactobazillen in den Schnabel, bis er nach vierzehn Tagen die Behandlung praktisch selbst beendete, indem er panikartig vor mir flüchtete, was sonst nicht seine Art ist. Zwei Wochen war Joschi, abgesehen von seinem Gewichtsproblem, nicht von einem gesunden Wellensittich zu unterscheiden. Dann fing er an zu mausern. Durch die anstrengende Mauser verschlechterte sich sein Zustand wieder. Nach der Gabe von Lactobazillen an drei aufeinanderfolgenden Tagen war Joschi wieder in Ordnung und hat seitdem keinerlei Beschwerden mehr. Da er wieder mehr Futter aufnimmt und auch wieder Grünzeug und Obst frisst hat er sein Gewichtsproblem innerhalb kürzester Zeit in den Griff bekommen und ist für seine Größe ein normalgewichtiger Wellensittich geworden. Vitamin K1 und Lactobazillen haben die Voraussetzungen für ein beschwerdefreies Vogelleben geschaffen und die Freude, die mir dieses Tier jeden Tag bereitet, kann mir sicher jeder Vogelliebhaber nachempfinden. Immer wieder lese ich: „Wenn die Tiere sauber und artgerecht gehalten und richtig ernährt werden, können sie nicht krank werden.“ Obwohl diese Aussage richtig ist, bringt sie mich auf die Palme. Mit solchen Behauptungen wird mir als Tierhalter automatisch die Schuld zugeschoben, wenn eines meiner Tiere krank wird. Als die ersten Krankheitsfälle in meiner Vogelstube auftauchten, wollte ich keine Haltungs- oder Ernährungsfehler unter den Teppich kehren, sondern der Ursache auf den Grund gehen. Herauszufinden, an welcher Krankheit meine Tiere litten, gestaltete sich äußerst schwierig. Ein Wellensittich war schon gestorben, der zweite sollte bald folgen, als die Tierärzte der Krankheit endlich auf die Schliche kamen, mir aber nicht genau erklärten was meinen Tieren fehlte und was Auslöser und Ursache für die Krankheit war. Mit Unterstützung eines Züchters betrieb ich nun Ursachenforschung. Die Vogelstube selbst, ein trockener Wohnraum, schied als Ursache aus. Feuchtes Futter und Trinkwasser wurden täglich frisch angeboten und Reste wieder entfernt. Keimfutter wurde mit großer Sorgfalt zubereitet und von meinen Wellensittichen innerhalb weniger Stunden vollständig verzehrt. Trotzdem habe ich den Tieren monate-lang kein Keimfutter mehr angeboten, um sicherzugehen, dass die Erkrankung nicht doch von daher rührte. Übrig blieb das trockene Körnerfutter. Als Vogelhalter hat man das Problem zwar erkannt, die Schimmelpilze riechen bereits aus der frisch angebrochenen Packung heraus, doch was tut man? Man verfüttert dieses pilzbefallene Körnerfutter an seine Tiere und man vertraut darauf, dass alles gut geht. Meistens geht es auch gut. Wenn ein Tier von Anfang an schon etwas schwächlich ist, kann es aber auch schief gehen, wie im Fall Joschi. Wenn es um Obst, Salat oder Gemüse geht, kann ich mir die Qualität aussuchen, beim Körnerfutter nicht. Hier muss ich nehmen, was auf dem Markt angeboten wird. Es war ein einziger Teufelskreis. Vitamin K1 machte meine Wellensittiche gesund, die schlechte Qualität des Körnerfutters machte alles wieder zunichte. Nahezu zeitgleich mit der Gabe von Lactobazillen habe ich nach monatelangem Ausprobieren endlich ein Körnerfutter entdeckt, das von relativ guter Qualität ist, und im nachhinein kann ich mir Joschis plötzliche Genesung nur so erklären, dass das Vitamin K1 den Großteil der Gifte im Körper bereits neutralisiert hatte, Joschis Darmflora aber völlig zerstört war, was durch die Gabe von Lactobazillen wieder ins Lot gebracht werden konnte. Dies hätte eigentlich das Happy-End sein können, wenn da nicht ein neuer Sack Körnerfutter gewesen wäre. Am Morgen nachdem ich das neue Körnerfutter angebrochen hatte, saß Joschi auf der untersten Sitzstange und machte nicht den besten Eindruck. Sein Gefieder in der Schnabelgegend war verklebt, ich ging davon aus, dass er sich erbrochen hatte, und er hatte Durchfall. Monatelang war Joschi ein gesunder Wellensittich. Ich war erst einmal erleichtert, denn er war nicht abgemagert. Um so mehr überraschte es mich, dass er plötzlich so krank wurde. Doch diesmal konnte ich sofort die nötigen Maßnahmen einleiten. Mancher Leser wird sich nun sagen: „Ich kann es nicht mehr hören!“ Ich muss es aber trotzdem wiederholen: Vitamin K1 pur in den Schnabel und Lactobazillen brachten Joschi sofort wieder auf die Beine. Wenn die Futtermittelhersteller nicht in der Lage sind einwandfreies
Körnerfutter auf den Markt zu bringen, für das ich persönlich
auch einen höheren Preis zahlen würde, werde ich meinen Wellensittichen
auch in Zukunft „Überdosen“ des Vitamins K1 verabreichen müssen.
© Manuela Weiß Bitte beachten Sie: Sämtliche Inhalte auf dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt. Bitte beachen Sie das Copyright. Mit freundlicher Genehmigung
der
|