Die Haltung von Stanleysittichen (Platycercus icterotis)

von Rebecca


Zu meinen Stanleysittichen bin ich über Umwege gekommen. Obwohl es schon lange mein Traum war, Stanleysittiche zu halten kam es zuerst alles anders: durch einige Abgabevögel (Wellensittiche, Nymphensittiche) vergrößerte sich die vorhandene Vogelschar, so daß ich mich erst einmal auf diese Sittiche beschränkte. Dazu wollte ich nicht unbedingt eine dritte Vogelart hinzusetzen, doch während eines Urlaubes in Ungarn im Herbst 2003 entdeckte ich in einem kleinen Geschäft in einem Einkaufszentrum eine kleine Stanleyhenne. Sie wurde mit verschiedenen anderen Sittichen in einer Glasvoliere "aufbewahrt", die nur eine blickdichte Seite hatte, und sollte, vor allem für ungarische Verhältnisse, ein kleines Vermögen kosten. Das Futter bestand fast nur aus Sonnenblumenkernen, der Wasserbehälter war veralgt. Der Zoohändler sagte, sie säße dort schon fast 2 Jahre. Obwohl ich generell dagegen bin, Zooläden zu unterstützen - die freuen sich über das Geld und holen sich den nächsten Vogel ran, wird sich schon irgendwann verkaufen; dazu kommen noch die Schwierigkeiten mit Papieren und ein Grenzübertritt - ließ mich der nicht sehr glücklich wirkende Vogel während des gesamten Urlaubs nicht mehr los. 
Stanleysittich (Platycercus icterotis), Lily

 
Stanleysittich (Platycercus icterotis), Lily Dann erfuhren wir von Bekannten, daß es gar nicht so schwierig sei, an amtstierärztliche Papiere für die Ausfuhr zu kommen. Schließlich kauften wir die kleine Dame frei und fuhren mit ihr zum Bezirkstierarzt. Dieser untersuchte die Kleine recht flüchtig und stellte uns dann ordentliche Papiere aus, mit denen wir uns dann Richtung Deutschland auf den Weg machen.

Lily zog für einige Tage in einen alten Großsittichkäfig um, damit 
sie sich an die veränderte Situation gewöhnen konnte und ich eine 
Kotprobe untersuchen lassen konnte. Dabei gab sie den ersten Ton des ganzen Tages von sich, ein leises melodisches Trillern, unterbrochen von einigen scharfen Rufen. Sie lebte sich recht schnell ein und nach einigen Tagen konnte sie dann zu den anderen in die große Voliere umziehen. Die Umsiedelung und Eingewöhnung ging ebenfalls sehr schnell und gut vor sich. Am Anfang nahm sie häufig die Beobachterposition ein, setzte sich auf einen Ast oder ein Sitzbrett und ließ niemand anderen in ihre unmittelbare Nähe, verhielt sich sonst aber sehr friedlich. Rote Paprika wurde sofort ihre Leibspeise, auch Salatgurke und Apfel mag sie sehr gern. 


 
Kurze Zeit später begab ich mich auf die Suche nach einem Partner, was bei Stanleysittichen leider kein besonders leichtes Unterfangen ist. Ich wurde schließlich fündig bei einem Züchter in der Nähe von Frankfurt. Ich konnte mir zwei junge Hähnchen anschauen, von denen ich schließlich den etwas lebhafteren wählte (ob das mal nicht ein Fehler war? ;-) ).

Auch Sirius, so heißt der kleine Kerl jetzt, mußte zwei Tage im Extra-Käfig verbringen, dann durfte er zu Lily. Die erste Begegnung der beiden verlief leider nicht gerade bilderbuchmäßig - nachdem Sirius erst einmal alles erkundet hatte besuchte er Lily, die von einem hoch gelegenen Sitzbrett aus den Fremden betrachtet hatte. Sirius lief freundlich auf sie zu, da wurde sie zum ersten Mal recht biestig und hackte ihn weg. In den nächsten Tagen machte er noch einige Annäherungsversuche, die aber immer abgeblockt wurden, woraufhin er es dann auch irgendwann nicht mehr versuchte, und obwohl ich weiß, daß es bei vielen Plattschweifern selten die Liebe auf den ersten Blick gibt, war ich schon etwas enttäuscht. Sollten die beiden etwa jeweils Einzelvögel inmitten von Fremden werden?

Stanleysittiche (Platycercus icterotis)

 
Stanleysittiche (Platycercus icterotis) Mit der Zeit jedoch änderte sich das Verhalten. Lily hatte wohl nur Zeit gebraucht, um sich zu erinnern, daß sie ein Stanleysittich und Sirius ein Vogel der gleichen Art war - sie war ja schließlich längere Zeit mit ständig wechselnder Belegschaft gehalten worden. Schon nach einigen Tagen schliefen die beiden nachts in relativer Nähe zueinander und einige Wochen später rief Lily sofort nach Sirius, wenn sie ihn nicht sehen konnte. 
Ansonsten sind die beiden inzwischen, nach gut einem halben Jahr, eigentlich nur noch im Doppelpack anzutreffen. Die ganz große Liebe ist es noch nicht unbedingt zwischen ihnen, ich hoffe jedoch, daß sich die beiden mit der Zeit weiter annähern. Sirius beginnt allmählich, sich endgültig umzufärben, er müßte also bald geschlechtsreif werden und balzt Lily ab und zu an. Ansonsten weiß er aber noch nicht wirklich, was man mit einer willigen Dame, die ständig gackernd ihren Schwanz schüttelt, anfangen soll :-)

Stanleysittiche sind die friedlichste Art der Plattschweifsittiche, doch sind sie immer noch Plattschweifsittiche, die zumindest in der Brutzeit aggressiv gegenüber den anderen Sittichen werden können. Eine Trennungsmöglichkeit steht zur Verfügung.


 
Insgesamt bin ich schwer begeistert von den beiden Clowns. Sie sind 
unglaublich gewandte Flieger, die aber auch ein extrem hohes 
Flugbedürfnis haben und in der Wohnung mit großer Geschwindigkeit und Geschicklichkeit jede Kurve nehmen. Kann ich sie für einige Stunden nicht herauslassen, obwohl ich in der Wohnung bin, werden sie schnell "rammdösig" und fliegen rasch und schwungvoll von einer Seite der Voliere zur anderen, wobei sie laut gegen das Gitter donnern. Auch wird dann schon mal lauter gezwitschert. Sie können sich mit inzwischen 4 Nymphen und 12 Wellis in einer 2x2x2m großen Voliere mit täglichem Freiflug ordentlich austoben.

Sie brauchen aber ständig Aufsicht, außer man hat ein absolut sicheres Vogelzimmer, denn obwohl sie nicht zu den großen "Zerstörern" gehören und noch keine Möbel angeknabbert haben, suchen sie sich trotz eigenem Vogelspielzeug ständig neue Sachen, ob das Wäscheklammern, Stifte, ein Haargummi oder sonstige tragbare Dinge sind - alles, was in den Schnabel paßt und leicht genug ist, wird auch schon mal mitgenommen und weggetragen. Dann wird es ausgiebig mit Schnabel und Füßen untersucht. Auch das Obst schmeckt grundsätzlich viel besser aus meiner Obstschale als in der Voliere. Inzwischen bin ich recht gut darin, alles Mögliche abzudecken, einzupacken und wegzuräumen - meine Vögel erziehen mich zur Ordnung... ;-) 

Stanleysittich (Platycercus icterotis)

 
Stanleysittich (Platycercus icterotis)
 
 

Stanleysittich (Platycercus icterotis)

Meine Stanleys fressen normales Großsittichfutter (ohne Sonnenblumenkerne), auch das Wellifutter wird nicht verschmäht. Durch ihre Aktivität haben sie einen etwas höheren Energiebedarf und müssen häufiger kleine Freßpausen einlegen. Bei Obst und Gemüse wird eigentlich alles zumindest probiert, das meiste auch gefressen. Favoriten sind (rote) Paprika, Apfel und Möhre, am liebsten mit Möhrenkraut, aber auch Gurke, Salat (wenig oder aus Bioanbau!), Mais, gekochte ungewürzte Kartoffeln und Reis werden sehr gern gefressen. Sonnenblumenkerne gebe ich ab und zu als Leckerli, was beide mir aus den Fingern nehmen. 

Obwohl ich mich noch nicht besonders intensiv mit den beiden beschäftigen konnte, haben sie kaum Angst vor mir. Zwar bleiben sie ständig wachsam, wenn sie in meine Nähe kommen, aber Sirius kommt ab und zu freiwillig für kurze Zeit auf meine Schulter, beide kommen für Leckerlis auf Hand und Arm. Sirius ließ sich auch schon einmal leicht von meiner Nase streicheln. Mit mehr Zeit und Geduld würden sie sicherlich auch mehr mit sich machen lassen. 
Dennoch haben die beiden ihren eigenen Kopf. Beispielsweise wissen sie, wenn sie etwas Verbotenes machen (wie die Grünlilie zu zerpflücken) und lassen sich durch Gefuchtel oder Geschimpfe meinerseits nicht stören. Dazu muß ich dann schon aufstehen und zu ihnen hingehen, obwohl die Blume fast in Armreichweite steht...


 
Die beiden baden sehr gern, Sirius könnte täglich in einer flachen Schale baden. Lily wird lieber geduscht, und seit kurzem quetscht sie sich auch ab und zu in einen kleinen Trinknapf (obwohl die Badeschale da steht...). Sie halten sich gern am Boden zur Futtersuche auf, darum steht ihre Schale auch dort.

Allgemein wird Stanleysittichen eine ruhige, angenehme Stimme nachgesagt. Das stimmt auch, solange sie zufrieden sind. Sie zwitschern sehr melodisch und brabbeln leise vor sich hin, besonders mein Männchen, aber sie können auch scharfe, laute Rufe ausstoßen, die ganz schön in den Ohren klingeln. Das passiert besonders dann, wenn sie sich langweilen, sie fliegen möchten, der Partner außer Sicht ist, sie gern etwas hätten, was sie nicht von mir bekommen etc. Sind sie glücklich, sind es die leisesten Sittiche der Welt, aber wehe wenn nicht ;-) 

Trotzdem würde ich sie insgesamt eher als ruhig beschreiben, dennoch nicht für eine hellhörige Wohnung empfehlen. Sie brauchen viel Freiflug, ihr Drang nach Bewegung ist unglaublich. Optimal wäre vermutlich eine große Außenvoliere. Beim Wohnungfreiflug muß man sehr gut auf Türspalte und Fensterritzen achten, denn sie sind gewandte Flieger, die sich in der Luft quer legen und durch kleine Spalte schlüpfen können. Dabei sind sie recht schnell. Sie beherrschen aber auch eine Art "Schleichflug", der sich sehr gut dazu eignet, verbotene Orte hinter meinem Rücken anzufliegen. Meist höre ich dann erst nach einiger Zeit ein glückliches Quietschen, wenn sie wieder eine tolle Stelle erforscht haben. Sie sind absolut liebenswert, aber man muß sie gut beaufsichtigen. Stanleys sind in der Pflege nicht besonders aufwendig, aber in der Beschäftigung sehr fordernd. Man muß ihnen ständig neue Beschäftigungsmöglichkeiten bieten - jedenfalls, wenn man an seinem Trommelfell hängt ;-)

Stanleysittich (Platycercus icterotis)
 
 
 

Stanleysittich (Platycercus icterotis)


© Rebecca, www.stanleysittich.de
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