Weshalb
ist zusätzlicher Freiflug so wichtig?
In ihrer Heimat fliegen Sittiche auf der Suche nach Nahrung täglich
weite Strecken. Auch wenn unsere Sittiche diese Kraftanstrengung nicht
mehr für die Nahrungssuche benötigen, brauchen sie Raum, um ihrem
natürlichen Flugbedürfnis nachzukommen. Eine reine Käfighaltung
ist deshalb nicht artgerecht. Auch der Halter hat nichts davon, denn zwei
Vögel, die nur gelangweilt im Käfig herumsitzen, bieten wenig
Anlass für spannende Beobachtungen.
Freiflug bedeutet
-
Bewegung, Ausleben des natürlichen Flugbedürfnisses
-
Abwechslung. Die Sittiche können
verschiedene Landeplätze anfliegen, Vogelspielplätze vielleicht
oder sogar einen Vogelbaum oder "ihren" Menschen.
-
Spaß. Die Sittiche können
"grenzenlos" herumtoben, fliegen, nach neuen Abenteuern im Zimmer suchen,
sich verstecken, ungiftige Pflanzen anknabbern oder anderen Unsinn anstellen.
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mehr Lebendigkeit. Die Sittiche sind
aktiver und ausgeglichener.
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weniger Stress, weil viel Raum zur
Verfügung steht und sich die Vögel bei Bedarf auch mal aus dem
Weg gehen können.
-
Gesundheit, denn all diese Faktoren
tragen dazu bei, dass sich die Vögel wohlfühlen - und das unterstützt
auch das Immunsystem und die Abwehr gegen Krankheitserreger. Bewegung stärkt
den Herz-Kreislauf und die Flugmuskulatur. Außerdem beugt sie Übergewicht
und Verhaltensstörungen wie z.B. Rupfen
vor.
Freiflug bedeutet also mehr Lebensqualität!
Freiflug bedeutet aber auch Gefahr.
Vor dem Freiflug sollten Sie das Zimmer auf mögliche
Gefahren hin untersuchen. Sittiche sind kleine Kobolde, die alles genau
untersuchen und oft auch anknabbern.
Sehen Sie sich vorsichtshalber meinen "Gefahrenkatalog"
an, den es auch im PDF-Format zum Ausdrucken gibt.
Trotzdem überwiegen die Vorteile so sehr,
dass Sie Ihren Vögeln unbedingt täglich möglichst einige
Stunden lang Freiflug ermöglichen sollten.
Wann sollte man mit dem Freiflug beginnen?
Noch immer kann man in diversen Büchern lesen, dass man einige
Wochen mit dem Freiflug warten sollte oder sogar erst dann Freiflug geben
sollte, wenn die Sittiche zahm sind.
Sittiche wissen allerdings schon nach kurzer Zeit, wo ihr Zuhause ist
und wo sie Futter und Wasser finden, unab hängig davon, ob sie zahm
sind oder nicht. Auch Vögel, die nicht zahm werden, benötigen
Freiflug. Es ist empfehlenswert, den Vögeln bei einem Einzug einige
Tage Zeit zu lassen sich einzugewöhnen und dann erst den Freiflug
zu geben. Dann haben sich die Sittiche auch schon an ihre Umgebung gewöhnt,
die Gefahr von Unfällen durch panisches oder unkontrolliertes Herumfliegen
ist stark gesunken. Die Eingewöhnungszeit sollte ca. 3-5 Tage dauern,
je nach Zutraulichkeit und Temperament der Sittiche.
Freiflug ist also bereits 3-5 Tage nach der Ankunft des Vogels möglich,
je nachdem, wie Ihr Vogel auf seine neue Umgebung reagiert, wieviel Zeit
Sie haben und ob eine Quarantäne-Zeit
(von ca. 1 Woche, bei kranken Sittichen
auch länger) notwendig ist.
Nehmen Sie sich für den ersten Freiflug viel Zeit, damit Sie nicht
in Stress geraten, weil die Vögel zu einer bestimmten Zeit wieder
im Käfig sein müssen. Außerdem können Sie Ihre Sittiche
in Ruhe beobachten und eventuelle Gefahren im Zimmer beseitigen, die Sie
vorher vielleicht nicht als gefährlich wahrgenommen haben.
Wie bekommt man die Sittiche zurück in
den Käfig?
Auf diese Frage gibt es leider keine pauschale Antwort. Häufig
fliegen die Sittiche, spätestens abends, wenn sie Hungers haben, wieder
zurück in den Käfig. In anderen Fällen können Sie mit
einer Kolbenhirse nachhelfen, Ihre Sittiche wieder zurückzulocken.
Es hilft, wenn Kolbenhirse und Kräcker nicht ständig im Käfig
hängen, da sie gesunder Nahrung (besonders Obst,
Gemüse und Co.) meistens vorgezogen werden. Und wenn die Hirse
etwas besonderes ist lassen sich Ihre Sittiche wahrscheinlich auch eher
davon überzeugen, in den Käfig zu kommen.
Lassen Sie Ihren Sittichen Zeit und lassen Sie sie auch mal alleine
im Zimmer, damit sie sich unbeobachtet fühlen und sich vielleicht
eher zurück in den Käfig trauen.
Alternativ oder wenn sich Ihre Sittiche besser an Sie gewöhnt haben
können Sie sie mit einer Kolbenhirse auf eine Stange oder auf die
Hand oder einen Finger locken und vorsichtig in den Käfig zurücksetzen.
Diese Übung kann man eventuell auch mit Hilfe eines Clickers
trainieren.
Aber
wennn die Sittiche nicht mehr zurück in den Käfig wollen?
Es gibt im Prinzip zwei Möglichkeiten.
1. Abwarten.
Lassen Sie Ihren Sittichen Zeit. Es wäre sinnvoll, Futter und
Wasser im Käfig zu lassen, damit sie zum Fressen zurückkommen.
Spätestens wenn man selbst einige Zeit lang rausgeht kommen die meisten
Sittiche freiwillig in den Käfig zurück.
Sind die Vögel allerdings bereits lange Zeit draußen und
wollen einfach nicht zurück, können Sie zunächst ein wenig
Futter und Wasser z.B. auf dem Käfigdach anbieten. Hier werden Futtermittel
meistens gut angenommen. Es ist wichtig, dass solche kleinen Organismen
mit ihrem schnellen Stoffwechsel regelmäßig Nahrung aufnehmen.
Ziehen Sie sich zurück und lassen Sie die Sittiche wie erwähnt
auch mal alleine. Sehr häufig gehen sie, wenn sie unbeobachtet sind,
nach einiger Zeit doch wieder freiwillig in den Käfig zurück.
2. Draußen lassen
Es kommt vor, dass Sittiche sich in Abwesenheit ihres Halters im Käfig
sattfressen und schon wieder draußen spielen. Oder dass sie beim
Betreten des Zimmers fluchtartig den Käfig verlassen. Grundsätzlich
gilt: Sittiche können auch mal eine Nacht draußen bleiben. Sie
sollten dann ein kleines Licht zur Orientierung anlassen. Sonst besteht
die Gefahr eines sogenannten "Nightfrights",
das bedeutet, dass die Sittiche aus irgendeinem Grund plötzlich erschrecken
und panisch losfliegen. Sittiche sind Fluchttiere, die bei drohender Gefahr
sofort auffliegen, auch im Dunkeln. Die Gefahr von Verletzungen ist in
einem dunklen Raum natürlich sehr groß.
Oft sitzen die Sittiche morgens wieder in ihrem Käfig, um zu fressen.
Spätestens dann, wenn sich die Vögel richtig eingelebt und an
ihren Halter gewöhnt haben, lernen viele von ihnen, abends von selbst
in den Käfig zu gehen oder sich hereinlocken zu lassen.
3. Einfangen
Wenn alles nicht funktioniert oder die Sittiche aus Sicherheitsgründen
keine Nacht draußen bleiben können, kann man sie notfalls auch
einfangen.
Um den Stress möglichst niedrig zu halten sollte es möglichst
schnell gehen, z.B. mit einem Vogelkescher oder mit der Hand. Wenn Sie
Ihren Vogel mit der Hand greifen müssen, sollten Sie sich Hilfe holen.
Eine Person schaltet das Licht aus, sobald Sie sich in der Nähe Ihrer
Vögel aufhalten und sich die Sitzposition eines Vogels merken. Im
Dunkeln können Sie Ihren Sittich dann greifen. Greifen Sie beherzt
zu, damit der Vogel nicht mehr entwischen kann, aber nicht zu fest, um
ihn nicht zu verletzen. Bei größeren Sittichen ab Nymphensittichgröße
empfiehlt sich häufig der Einsatz eines Handtuchs o.ä., um sich
vor den kräftigen Schnabelbissen zu schützen. Wenn keine zweite
Person helfen kann, können Sie das Einfangen auch alleine, z.B. mit
Hilfe einer Taschenlampe, durchführen.
Tipp: Bevor Sie versuchen Ihre Vögel einzufangen probieren Sie
es besser erstmal mit Locken mit Leckerli wie z.B. Kolbenhirse, dem Clickern
oder der Nacht außerhalb des Käfigs.
Wie
bekommt man die Sittiche aus dem Käfig?
Diese Frage stellt sich normalerweise dann, wenn die Sittiche wider
Erwarten nicht gleich ihren Freiflug starten, sondern trotz geöffneter
Tür wochenlang im Käfig bleiben.
Mögliche Ursachen gibt es viele, z.B.:
-
neue Umgebung, Unsicherheit eines neu erworbenen Vogels
-
fehlendes Vertrauen in den Menschen, Scheue
-
fehlendes Selbstbewusstsein, Angst, z.B. wegen schlechten Erfahrungen bei
einem Vorbesitzer
-
"Macht der Gewohnheit", bei lange in Käfigen gehaltenen Vögeln
-
"Loyalität", der Partner will nicht raus
-
Übergewicht => weniger
aktiver Vogel, weil Bewegung anstrengend ist, z.T. auch mit Atemnot verbunden
ist
-
Krankheiten => Müdigkeit,
Apathie
Übergewicht und Krankheiten
sind ernst zu nehmende Ursachen, die umgehend behandelt werden müssen.
Sind die Vögel körperlich gesund können Sie folgendes
versuche:
-
Herauslocken mit Kolbenhirse, die erst an der Käfigtür, später
draußen an einem gut sichtbaren Landeplatz (z.B. Vogelspielplatz,
Vogelbaum) in der Nähe des Käfigs angeboten wird oder
-
lassen Sie die Vögel einige Tage lang auch mal eine Zeitlang alleine,
damit sie nicht durch Sie abgelenkt sind und eher mal den Weg nach draußen
testen oder
-
versuchen Sie es mit der Konditionierung mit dem Clickertraining
oder
-
versuchen Sie die Sittiche etwas zutraulicher zu
bekommen bzw. zu zähmen und zumindest an die Hand zu gewöhnen.
Wenn Sie sie auf die Hand oder einen Zweig
oder eine Stange locken können, können Sie sie vorsichtig nach
draußen bugsieren.
Häufig reicht es, wenn sich ein Vogel aus dem Käfig traut, dann
folgen meistens auch bald die anderen.
Was gibt es noch zu beachten?
Beachten Sie möglichst auch folgende Punkte:
-
wenn Sie einen Neuzugang mit einem Sittich verpaaren oder in eine Gruppe
setzen möchten, sollten Sie sich die Tipps
zur Verpaarung durchlesen, da Freiflug hier eine wichtige Rolle spielt
-
informieren Sie sich über mögliche Gefahren
während des Freiflugs
-
informieren Sie sich über 1.-Hilfe-Maßnahmen bei Unfällen
/ Verletzungen während des Freiflugs, z.B. über Gehirnerschütterung
/ Trauma, Blutungen,
Knochenbrüche etc.
-
lassen Sie kein "menschliches Essen" offen herumliegen, z.B. Kartoffelchips.
Sittiche lieben sie, aber sie sind leider sehr gesundheitsschädlich.
-
lassen Sie keine Kerzen brennen
-
achten Sie gut darauf, wohin Sie treten oder wo Sie sich hinsetzen - es
könnte ein Sittich auf diesem Platz sitzen
-
lassen Sie keine wichtigen Unterlagen oder Bücher herumliegen, die
angeknabbert werden können
-
Kabel dürfen für Sittiche nicht erreichbar sein
-
Lassen Sie die Fenster geschlossen und stellen Sie sie auch nicht auf "kipp",
es sei denn Sie haben eine Fenstersicherung
angebracht. Fenster sind eine häufige Ursache für Verletzungen
oder Entfliegen
-
achten Sie darauf die Tür immer langsam und vorsichtig zu schließen.
Viele Sittiche sind bereits durch Einklemmen oder schnelles Gegenfliegen
gegen sich schließende Türen, weil sie ihren Menschen folgen
wollten, verletzt worden oder sogar gestorben
Erfahrungsbericht einer Sittich-Info.de-Leserin:
Als
wir unsere beiden Nymphensittiche beim Züchter abholten, hatten wir
noch gar keine praktischen Erfahrungen gemacht mit Vögeln – wir besaßen
nur theoretisches Wissen aus einem Nymphensittich-Fachbuch, welches uns
den Start mit unseren beiden Nymphen etwas erleichtern sollte. Wir waren
also gespannt, wie sich unsere beiden jungen Nymphen in unserer Obhut entwickeln
würden.
Schon bald waren beide Vögel handzahm und
der Tag war gekommen, an dem wir beide im Wohnzimmer fliegen lassen konnten.
Alles verlief nach Plan. Die Vögel waren noch sehr kritisch gegenüber
allem Neuen und fühlten sich - zurück im Käfig – sicher
und geborgen. Nach einigen „Freistunden“ veränderte sich die Situation
allerdings drastisch: Beide Nymphen fühlten sich in der neuen Umgebung
immer wohler, worüber wir uns natürlich sehr freuten. Zum Problem
wurde die Sache erst, als wir die Vögel mehrere Male hinter einander
nicht mehr in den Käfig zurück bringen konnten. Beide Nymphen
merkten sofort, wann wir sie zurück in ihre „vier Wände“ bringen
wollten und flogen von unserer Hand immer wieder davon. Es verging mehr
als ein Abend, an wir nahezu eine Stunde mit dem Zurückbringen beider
Vögel verbrachten...
Glücklicherweise haben wir mit unseren beiden
Lieblingen jetzt schon seit einigen Monaten keine Probleme dieser Art mehr.
Wir haben folgende Lösung gefunden: Bei jedem Zurückbringen in
den Käfig werden die Vögel belohnt – in unserem Fall mit ein
paar Sonnenblumenkernen – direkt aus der Hand. Die Vögel haben sich
inzwischen an dieses „Ritual“ gewöhnt und strecken regelrecht ihre
Hälse nach den Kernen, wenn sie auf ihre Sitzstange gebracht wurden.
Dazu kommt, dass wir beide Nymphen niemals ausserhalb des Käfigs füttern
– so kehren sie spätestens mit einem hungrigen Magen in den Käfig
zurück.
Was mir auch wichtig erschien, ist folgendes:
Ich achte darauf, dass ich mich, wenn ich die Vögel z. B. auf meiner
Schulter herumtrage, öfters auch in die Nähe des Käfigs
begebe. So haben die Vögel nicht das Gefühl, dass sie zurück
in den Käfig müssen, sobald sie nur schon in die Nähe des
Käfigs kommen. Und wenn es uns wieder mal nicht gelingt, die Nymphen
auf Anhieb zurück in den Käfig zu bringen, lassen wir zuerst
einige Minuten verstreichen und versuchen es erst dann erneut. Die Vögel
werden nicht unnötig gestresst – sie würden einem sonst nur immer
wieder weg fliegen.
Ich hoffe, mit dieser Erfahrung vielleicht auch
dem einen oder anderen Sittich-Anfänger gedient zu haben und ihm mit
seinem neuen Haustier die ersten Flugstunden etwas vereinfachen zu können.
Viviane U. (Schweiz)
Vielen Dank für diesen Bericht! |
Fazit:
Nehmen Sie Risiken ernst, aber überbewerten
Sie sie nicht, und haben Sie viel Spaß beim Beobachten während
des Freiflugs! |
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Copyright 1. Foto: Lydia Duve, vielen Dank!
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