Zum Thema Einzelhaltung von Sittichen und Papageien: Tierliebe heißt artgerechte Haltung! :-)

 
Natürliches Verhalten

Es gibt Tiere, wie z.B. den Hamster, die in der Natur Einzelgänger sind und die man gut einzeln halten kann. Artgerechte Haltung bedeutet ja soviel wie "möglichst naturnah". Andere Tiere wiederum leben in der Natur in mehr oder weniger großen Gruppen - sie brauchen Gesellschaft. Sittiche und Papageien sind von Natur aus Schwarmvögel, sie unternehmen alles in der Gruppe oder paarweise, spielen miteinander, kommunizieren in ihrer eigenen Sprache, suchen gemeinsam nach Nahrung und erleben vieles mehr zusammen. :-)
 
 
So sieht es z.B. in der Natur aus:
Hier können Sie sich ein sehr schönes Video über Ziegensittiche in ihrer Heimat ansehen und sich einen Eindruck über das Zusammenleben in der Natur machen.
Wenn diese Version nicht funktioniert können Sie sich das Video hier ansehen.

Schmusende Katharinasittiche

Die Sorge: "mehrere Vögel sind am Halter nicht mehr interessiert"
Häufig berichten mir Vogelhalter, die sich einen Sittich oder Papagei anschaffen möchten oder halten, dass sie Sorge haben, dass sich die Vögel selbst genug wären, wenn sie noch einen oder sogar mehrere Artgenossen dazusetzen. Sie selbst wären dann wohl nicht mehr wichtig für ihren Vogel. 
Diese Sorge ist unbegründet! Wer sich auch weiter mit seinen Vögeln beschäftigt, wird ein Teil der kleinen Gruppe. Nicht selten werden mehrere oder sogar alle Mitglieder der Sittich- oder Papageiengruppe zahm. Als Halter hat man dann viel mehr zu beobachten - z.B., wie sich die Vögel gegenseitig füttern und kraulen, sich ärgern, zusammen irgendeinen Unfug anstellen, sich etwas vorsingen und vieles andere mehr. Als Vogelfreund hat man mit zwei Sittichen oder Papageien oder sogar einer kleinen Gruppe viel mehr Spaß am beobachten, denn man kann Verhaltensweisen beobachten, die man an seinem Einzeltier niemals kennenlernen wird.

Ein schönes Beispiel hierfür liefert auch der Artikel "Zutrauliche Nymphensittiche im Schwarm" von Florian und Esther Schmidbauer, der im WP-Magazin veröffentlicht wurde.

Nicht wenige Halter versuchen immer noch ihre Tiere mehr oder weniger bewusst nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen zu "formen". Der Vogel soll zahm sein, sich streicheln lassen und am besten noch etwas sprechen. Echte Tierliebe heißt aber nicht nur "nehmen" und "erwarten", sondern auch "geben" und "akzeptieren". Man muss akzeptieren, dass man Zahmheit nicht erzwingen kann, sondern Gefühl und Zeit dafür braucht, man muss eine möglichst artgerechte gute Haltung bieten können, von der letztendlich beide Seiten profitieren. Dazu gehört neben Zeit und Geduld, Freiflug usw. eben auch mindestens ein weiterer artgleicher Partner.
 
 
Weshalb ein Einzelvogel außer Ihnen auch einen artgleichen Partner braucht:
  • mit einem Artgenossen kann ein Sittich oder Papagei auch sein arteigenes soziales Verhalten ausleben. Er hat jemanden, der seine Sprache versteht und ihm in seiner Sprache antworten kann, der das Feedback geben kann, dass der Vogel erwartet. Das können weder Mensch noch Spiegel noch Plastikvogel (im Gegenteil, Spiegel und Plastikvogel gehören sogar zum schädlichen Vogelzubehör!!). Er kann mit einem Artgenossen spielen, herumfliegen, kraulen, sich necken, balzen und vieles mehr - alle ehemaligen Einzelvogelhalter können bestätigen, dass es viel mehr Spaß macht dieses Verhalten zu beobachten und Teil dieser kleinen Gruppe zu sein (siehe Erfahrungsberichte weiter unten).
  • er ist nie wieder alleine, wenn sein Ersatzpartner Mensch zur Schule oder zur Arbeit muss, einkaufen oder mit Freunden ausgeht und in der er meistens nur herumsitzt. Das ist langweilig, auch für Vögel. Wer will sich schon stundenlang alleine nur mit Spielzeug beschäftigen, das keine Antwort gibt und nicht reagiert. Meistens sitzt der Sittich doch alleine herum und wartet, da hilft kein Ersatzspielzeug und kein Radio.
    Was davon können Sie bieten? Was davon möchten Sie bieten?
Papageien - gegen Einzelhaltung

Kleine Papageien


 
 
So sieht es bei vielen Haltern leider aus:
  • der Halter möchte einen zahmen und eventuell sogar sprechenden Vogel
  • er möchte für diesen Vogel der Mittelpunkt sein und fürchtet "Konkurrenz"
  • er toleriert die Fehlprägung solange es nicht zu Problemen wie z.B. ständiges Kreischen oder Aggressionen gegen ihn kommt. Selbst Federrupfen wird leider immer noch häufig für lange Zeit oder sogar für immer in Kauf genommen
  • der Einzelvogel hat  einen Spiegel oder Plastikvogel im Käfig, der ihnen vorgaukelt ein echter Partner zu sein, aber nicht auf seine Kommunikationsversuche reagiert. Häufige Folge: der Sittich ist gestresst und wird oft aggressiv oder füttert übermäßig (Gefahr einer Kropfentzündung), weil er überhaupt nicht verstehen kann weshalb der Partner nicht antwortet und kein Futter annimmt und gar nicht so reagiert, wie er es erwartet (siehe auch: ungeeignetes Vogelspielzeug)
  • der Käfig ist oft vollgestopft mit Spielzeug
  • als Ersatz dient während der Abwesenheit des Halters ein Radio oder der Fernseher (Achtung: Vögel sehen anders als wir, sie können keine Filme im Fernsehen erkennen, sondern sehen nur ein bizarres Flimmern! Fernsehen kann im schlimmsten Fall also eher zu Stress führen als zur Ablenkung oder Beruhigung.)

Federrupfen kommt bei Einzelvögeln recht 
häufig vor. Hier ein Prachtrosella


 
 
Was Sie wollen:
  • Sie möchten vielleicht zahme Sittiche oder Papageien oder welche, die sogar sprechen können - das können auch mehrere Vögel! Papageienvögel sind sehr intelligent und schauen sich schnell das Verhalten von ihren Artgenossen ab, besonders wenn es dafür eine kleine Belohnung gibt, z.B. ein Stückchen Kolbenhirse. Sie müssen sich nur weiterhin mit Ihren Vögeln beschäftigen.
  • Vielleicht möchten nicht jedesmal ein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie weggehen und ihren Sittich oder Papagei alleine lassen müssen. Sie merken wahrscheinlich, dass das Fehlen des menschlichen Partners für den Vogel Stress bedeutet, da er von Natur aus ständig mit seinem Partner zusammen sein möchte und ja nicht weiß, ob und wann der Mensch zurückkommt und wie er sich auf Dauer in dieser Zeit beschäftigen soll. Viele Halter sehen leider gerne darüber hinweg, weil ihr Sittich sich ja so freut, wenn sie wieder da sind und beruhigen ihr schlechtes Gewissen mit Plastikpartner und Radio.
  • Sie möchten bestimmt auch Spaß am Beobachten Ihrer Sittiche haben und interessieren Sich dafür neue Verhaltensweisen an ihrem Sittich oder Papagei kennenzulernen - und zwei oder mehr Sittiche bzw. ein Papageienpärchen können wesentlich mehr interessante arteigene Verhaltensweisen ausleben und zeigen als einer alleine.
  • Außerdem ist Ihnen die Gesundheit Ihres Sittichs bestimmt wichtig. Einzelhaltung kann wirklich krank machen! Sie kann zu einigen Verhaltensstörungen wie z.B. Federrupfen, Schreien, Aggressionen oder sich immer wiederholende Bewegungsfolgen führen, was dem Halter leider oft erst bewusst wird, wenn er vom Tierarzt oder im Internet über mögliche Gründe für ihr Problem mit schreienden oder rupfenden Vögeln aufgeklärt werden.
Gegen Einzelhaltung, für paarweise Haltung (Nymphensittich, Nymphensittiche)

Zwei meiner Nymphensittiche

"Ich will nicht nur immer Theoretisches lesen - ich will Beweise!"
Argumente und Gegenargumente

1. Mein Sittich ist auch alleine glücklich!
Mag sein, dass Ihr Sittich glücklich wirkt, wenn sie sich gerade mit ihm beschäftigen. Aber seien Sie sich bitte darüber im klaren, dass das für ihn nur ein Ersatz ist, der nicht in seiner Sprache antworten kann, der ihm nicht wirklich das Feedback geben kann, dass er braucht, um sich wirklich wohlzufühlen. Das ist als Ergänzung zu einem arteigenen Partner sehr schön, aber alleine nicht ausreichend!

Einsamkeit bedeutet für einen Sittich Stress und Langeweile, da er sich nicht sehr lange alleine beschäftigen kann. Auch der Spiegel oder der Plastikvogel sind kein Partnerersatz! Der Sittich balzt dieses "Spielzeug" an und erhält nicht die erwartete Reaktion - für ihn unverständlich! Deshalb kommt es häufig zu Kropfentzündungen durch übermäßiges Füttern, zu Aggressionen und Angriffen gegenüber Spiegel und Plastikvogel und anderen Verhaltensstörungen. Beides hat im Käfig nichts zu suchen! 

Viele Einzelvogelhalter, die sich entschlossen haben, noch einen Partner zu besorgen, haben überrascht berichtet, wie sehr ihr vorher doch eigentlich so glücklicher Sittich aufgeblüht ist und wieviel mehr Spaß sie beim Beobachten der beiden hatten.

Elfenbeinsittiche

Elfenbeinsittiche
Sittiche beschäftigen sich nicht nur
miteinander, sondern auch mit Ihnen


 
 
Hier finden Sie einige Erfahrungsberichte von ehemaligen Einzelvogelhaltern - vielen Dank für Ihre Geschichte!


Wie sind Ihre Erfahrungen? Mailen Sie mir Sie mir doch Ihre Geschichte, bitte mit Fotos! :-) 


 

2. Ich will, dass mein Sittich zahm ist!
Ich kenne bislang keinen Sittich, der aufgrund einer Verpaarung mit einem artgleichen Sittich auf einmal nicht mehr zahm war. Genauso kenne ich sehr viele Fälle, in denen Sittiche auch zu zweit oder in der Gruppe zahm wurden. Das ist also überhaupt kein Argument. 

Es ist durchaus möglich, erst einen Sittich zu holen, um ihn leichter zu zähmen. Man sollte aber bedenken, dass ein einzelner Sittich es noch schwieriger hat, wenn er aus seiner Gruppe rausgenommen wird und sich alleine in einer unbekannten Umgebung mit unbekannten Menschen, Stimmen usw. zurechtfinden muss. Das macht zu zweit sicher mehr Spaß und gibt mehr Sicherheit.

Es gibt auch Züchter, die ihre Sittiche von klein auf an die Hand gewöhnen und die sofort zutraulich sind. Kaufen Sie keine Handaufzuchten, sondern Jungvögel, die normal von ihren Eltern aufgezogen wurden und die der Züchter in dieser Zeit bereits an die Hand gewöhnt hat.
 

3. Zwei Sittiche lernen ja nicht sprechen!
Viele Sittiche ahmen Geräusche oder die menschliche Sprache nach, einige sogar, ohne das mit ihnen geübt wird, auch in der Gruppe. Das ist bei einem Einzelvogel theoretisch einfacher zu erreichen, da er sich vielleicht eher der Sprache des Menschen anpasst, um in irgendeiner Form mit ihm zu kommunizieren. Der Großteil der Vögel in Einzelhaltung lernt allerdings auch nicht sprechen, da hilft auch diese Art der Haltung auch nicht. Und Vögel in ihrer eigenen Sprache singen und plappern zu hören ist mindestens genauso schön, in den Ohren vieler Halter sogar noch viel schöner als Nachahmungsversuche. Hier mal ein paar Beispiele. :-)
 

3. Zwei Sittiche sind zu laut und machen mehr Dreck und Arbeit als einer!
Zwei Sittiche machen nur unwesentlich mehr Dreck als einer. Erst bei einer größeren Anzahl Sittichen macht sich der Unterschied wirklich bemerkbar. Dies gilt auch für die Lautstärke. Einzeln gehaltene Schreier sind übrigens wesentlich lauter als zwei oder mehr Sittiche. Und wer keinen Dreck und keine Geräusche im Haus möchte sollte sich nochmal gut überlegen, ob er wirklich Tiere halten möchte.
 

5. Er kommt mit anderen Sittichen nicht klar.
Das ist nach jahrelanger Einzelhaltung durchaus verständlich, denn diese Sittiche oder Papageien kennen arteigene Partner teilweise schon gar nicht mehr.
Geben Sie nicht gleich auf, wenn die Verpaarung nicht sofort klappt. Je länger ein Sittich alleine war desto schwieriger die Verpaarung und desto vorsischtiger muss man sie angehen. Die effektivste Methode einen Sittich zu verpaaren besteht darin ihn den Partner selbst aussuchen zu lassen, damit dieser auch nach seinem "Geschmack" ist (z.B. bei Züchtern oder Tierheimen, die soetwas mitmachen). 

Wenn dies nicht möglich ist setzen Sie Ihren Neuankömmling erstmal in einen eigenen Käfig. Dieser kann ruhig kleiner sein als der Wohnkäfig oder sollte größer sein, wenn der alte zu klein ist. Der kleinere Käfig kann später als Krankenkäfig und Transportkäfig benutzt werden.
Denn wenn Sie einen neuen Vogel direkt in das Territorium des ersten Vogels, also dessen Käfig, setzen, kommt es naturgemäß häufig zu Problemen. Die Annäherung sollte also langsam und vorsichtig und auf Distanz erfolgen, erst in zwei getrennten Käfigen, dann vorsichtige Annäherung beim gemeinsamen Freiflug.

Weitere Tipps erhalten Sie beim Thema Verpaarung von Sittichen und Papageien.
 

6. Ich will keinen Nachwuchs!
Wer keinen Nachwuchs möchte, kann theoretisch zwei gleichgeschlechtliche Partner zusammensetzen. Besser wäre allerdings immer ein Männchen und ein Weibchen für eine echte Paarbildung (siehe auch Link unten auf der Seite Weshalb ein gegengeschlechtliches Pärchen besser ist). Wellensittiche legen ohne Nistkasten sowieso eher selten Eier, bei den anderen Arten können die Eier abgekocht oder gegen Kunststoffeier ersetzt werden. Wenn man die Eier kurz nach der Eiablage entfernt oder abkocht, ist auch noch kein Leben vorhanden, dass dadurch absterben könnte! Mehr Informationen zur Vermeidung von Nachwuchs erfahren Sie unter "Brut bei Sittichen, Vermeidung von ungewolltem Nachwuchs".


 
Fazit: Tierliebe, die nur so weit geht, wie sie den eigenen Wünschen entspricht, ohne auf die Bedürfnisse des Tieres einzugehen, ist keine echte Tierliebe!

Ich hoffe, ich konnte den ein oder anderen überzeugten (?) Einzelvogelhalter dazu überreden, über diese Art der Haltung wenigstens mal gut nachzudenken. Alle ehemaligen Einzelvogelhalter waren bisher begeistert, wieviel Neues sie an den Sittichen beobachten konnten und wie sehr ihr erster Sittich aufgeblüht ist, von dem sie doch vorher glaubten, er sei auch alleine glücklich gewesen. Nicht wenige von ihnen hatten recht schnell sogar vier oder mehr Sittiche. 


 
Literaturtipps:


 
Weiterführende Links:

 
Seiten-Adresse: http://www.sittich-info.de/haltung/einzelhaltung.html


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